Über Orang-Utans, Menschlichkeit und andere vom Aussterben bedrohte Dinge – Wie ich 2019 Revue passieren lasse und mich auf 2020 vorbereite.

In den letzten Wochen ging mir viel im Kopf herum. Gegen Jahresende mache ich immer eine Rückschau aufs vergangene Jahr. Wofür bin ich dankbar zum Beispiel. Dann blättere ich durch meinen Kalender, in dem ich alles festhalte, wo ich mit wem unterwegs war, in welchen Urlauben ich war, welche Seminare ich besucht habe und vieles mehr. Man vergisst viel zu schnell, an welch’ großartigen Orten mit welch’ wunderbaren Menschen man war und was man Schönes erlebt hat. Auch was nicht so gut gelaufen ist halte ich fest und versuche, daraus zu lernen und es im neuen Jahr besser zu machen.

Von neuen Vorsätzen im klassischen Sinne (mehr Sport machen, gesünder essen, weniger ärgern etc. ) bin ich schon vor einigen Jahren abgekommen. Sie einzuhalten fällt schwer und man fühlt sich schnell demotiviert. Außerdem sind es meist oberflächliche Dinge, die uns weder definieren noch zu einem besseren Menschen machen. Stattdessen bin ich dazu übergegangen mir Gedanken darüber zu machen, wer und wie ich sein möchte. Welche Attribute und Werte ich pflegen möchte.

Und da ich bald Mama werde, gehört dazu natürlich auch die Frage, wie ich unser Kind erziehen möchte. Es gibt Bücher über dieses Thema wie Sand am Meer. Kurzzeitig stellte sich auch ein leichter Anflug von Panik ein, weil ich im Grunde nicht viel dazu gelesen hatte. Meistens gehe ich an Sachen intuitiv heran. Und so entschied ich für mich, dass es weniger darauf ankam, mit welchen Methoden genau ich erziehen möchte. Stattdessen ist für mich ist die Überlegung wichtig, zu welchem Menschen mein Kind werden soll. 

Und hier bin ich dann wieder bei den Werten gelandet. Welche Werte also gibt man einem Kind also mit? Natürlich gibt es hier unzählige, aber diese drei kamen mir als erstes in den Sinn: Empathie, Menschlichkeit und Gelassenheit.

Wobei ich bereits bei der „Menschlichkeit“ ins Stocken kam. Diese ist heutzutage ein fragwürdiger Begriff, wenn man sich ansieht, was Menschen so tun. Ganz aktuell an Silvester: Kleinen Katzen oder Hunden Silvesterböller in den Hintern oder Mund zu schieben und anzuzünden. Unerlaubte Feuerwerkskörper zünden, die dann ein Affenhaus zum Abbrennen bringen. Wenn man die Brände aus Australien sieht und liest, dass dabei 500 Millionen Tiere qualvoll in den Flammen starben und viele weitere sterben werden. Ausgelöst durch die katastrophalen Folgen der Klimaerwärmung, wiederum ausgelöst durch menschliches Handeln. Wenn ich durch meinen Social Media Feed scrolle, dann wird mir manchmal regelrecht schlecht, was der Mensch anderen Menschen, Tieren und der Pflanzenwelt antut. In der heutigen Gesellschaft vergisst der Mensch das Wichtigste: Die Menschlichkeit. Stattdessen geht es vielen primär um die Befriedigung der Bedürfnisse ihres eigenes Egos. Wenn diskutiert wird, dass Fleisch teuerer werden muss, dann fühlen sich manche bereits in ihren Grundrechten beschnitten.

Natürlich ist es wichtig, sich um sich selbst und die eigenen Bedürfnisse ausreichend zu kümmern. Grenzen zu setzen. Man kann nur viel Gutes geben, wenn man selbst aus einer Position der Stärke heraus handelt. Wer schwach und krank ist, hat irgendwann auch keine Kraft mehr zu Geben. Allerdings sollte es dabei um die Erfüllung der wahren Bedürfnisse gehen. Nicht die Bedürfnisse des Egos. Aber wann kam es eigentlich so weit, dass der Mensch dachte, dass es ihm zusteht, sich über andere Menschen, die Tier- und Pflanzenwelt zu erheben? 

Zu guter Letzt möchte ich meiner Tochter folgende Fähigkeit mit auf den Weg geben: Das große Ganze und die Konsequenzen der eigenen Handlungen zu sehen. Viel zu oft erwische ich mich auch dabei, wie ich es selbst nicht tue. Wenn ich zwar Biokäse esse, aber genau weiß, dass auch in diesem Fall das Kälbchen der Mutter weggenommen wurde, Bio hin oder her. Wenn ich Schokolade esse, von der ich vermuten kann, dass dafür Menschen ausgebeutet wurden. Wenn ich ein Kleidungsstück trage, das sicherlich nicht durch faire Bezahlung und Behandlung produziert wurde. Deshalb möchte ich dieses Jahr konsequenter werden, minimalistischer. Was Ernährung angeht, so weiß ich, dass der richtige Weg für mich eine vegane, biologische und regionale Ernährungsweise wäre. Bewegungen wie den #veganuary finde ich gut. Allerdings finde ich es zu kurz gedacht, wenn Leute dann jeden Tag ihren Avocado Toast essen oder sämtliche Ersatzprodukte in Kilos von Plastikmüll verpackt kaufen. (Hier kann ich übrigens die Netflix Doku „Rotten“ sehr empfehlen. Man wird dann anders über den eigenen Konsum von Avocados, Schokolade, Zucker, Milch etc. nachdenken.). 

Ich bin mir auch sehr bewusst, dass wir uns hier am Hof in einer Filterblase befinden. Wir essen hauptsächlich unsere selbst erzeugten Produkte, wohnen auf dem Land umgeben von Wald, Wiesen und Bach. Die Tiere haben ein schönes Leben. Wenn eines krank ist, dann rufen wir den Tierarzt, behandeln homöopathisch oder mit selbstgesammelten Kräutern. Albert Schweitzer sagte wohl: „Tierschutz ist Erziehung zur Menschlichkeit.“ In der Fleisch- und Eierindustrie wäre ein solches Prozedere, wie wir es am Hof pflegen, schlichtweg nicht rentabel. Neulich erzählte mir jemand, dass es für manche Fleischproduzenten zu teuer sei, sich einen Bolzenschussaparat zu kaufen, um die nicht rentablen Kälbchen zu erschießen, um sie nicht aufziehen zu müssen. Stattdessen gehen manche dazu über, die Kälber zu ersticken, indem sie ihnen Bauschaum in den Rachen sprühen. Dass so etwas grausam ist: Keine Frage. Aber wir Verbraucher sollten uns dabei selbst an der Nase nehmen und nicht nur die Produzenten verurteilen. Denn wir beeinflussen jeden einzelnen Tag durch unsere Kaufentscheidung genau solche Geschehnisse! Wir haben es in der Hand. Wir verwöhnen unsere Haustiere, aber kaufen gleichzeitig beim Discounter Produkte ein, die unter schrecklichsten Tierbedingungen hergestellt wurden. Von Besuchern am Hof höre ich oft den Satz: „Ihr habt ein so wunderschönes Leben!“ Und ich muss sagen: Ja, ich liebe mein Leben und könnte es mir kaum schöner vorstellen. Wir versuchen täglich in Respekt mit Mensch, Tier und Natur zu leben. Aber warum fällt es uns in  der heutigen Gesellschaft denn so schwer, ein guter Mensch zu sein? Warum können wir uns nicht einfach etwas einschränken?

Ich kann diese Frage nicht komplett beantworten. Ich weiß aber, dass ich in den nächsten vielen Jahren den Respekt, den ich versuche der Welt entgegenzubringen, an ein kleines Menschlein weitergeben werde. Denn auch wenn heutzutage oft kritisiert wird, Kinder zu bekommen sei verantwortungslos (mehr Menschen, weniger Raum, noch mehr CO2 Verbrauch), so bin ich der festen Überzeugung, dass wir das Ruder nur herumreissen können, wenn die folgenden Generationen zu verantwortungsvollen, emphatischen und wahrhaft menschlichen Wesen erzogen werden, die diese Werte wiederum an die folgende Generation weitergeben. Denn:

Die Welt verändert sich durch dein Vorbild, nicht durch deine Meinung. – Paulo Coelho

Wer Interesse daran hat, methodisch und ausführlich das vergangene Jahr aufzuarbeiten, unter professioneller Begleitung intensiv an seinen Zielen und Visionen für 2020 zu arbeiten, dabei gute Landluft und regional-veganes Essen begleitet von Meditationen zu genießen und am Ende ein wunderschönes eigenes Vision Board in den Händen zu halten, der kann sich zu unserem Workshop am 7. + 8. März am Billesberger Hof anmelden. Mehr Infos findet ihr hier. Es sind noch ein paar wenige Plätze frei.

Vipassana – was durch 10 Tage schweigen, tägliches meditieren für 10 Stunden und kein Kontakt zur Außenwelt mit mir geschah.

Zum ersten Mal hörte ich in einem Podcast von Vipassana. 10 Tage meditieren, klingt krass dachte ich mir. Und so hatte ich es schon seit zwei Jahren im Kopf, wollte es unbedingt machen. Nun da ich schwanger bin, erschien es mir als „last chance“ für die nächsten Jahre. Denn nicht nur meditiert man dort sehr viel, sondern hat auch für zehn Tage keinen Kontakt zur Außenwelt. Eher schwierig mit einem kleinen Kind.

Nachdem ich also das große Glück hatte, in einen der weltweit stattfindenden und sehr begehrten, daher schnell ausgebuchten Kurse zu kommen, war es Anfang November so weit. Ich hatte mir ein Vipassana Zentrum in Italien ausgesucht, in der Nähe von Florenz. In Florenz hatte ich 2010 ein Erasmussemester verbracht, daher fühlt sich die Gegend für mich wie ein kleines Stück Heimat an.

An einem verregneten Mittwochnachmittag kam ich also im Zentrum an. Der Parkplatz war ganz weit oben auf einem Hügel, gerade noch schaffte es mein Fiat 500 den steilen Schotterweg nach oben. Wie oft ich mir in den kommenden Tagen wünschen würde, dass ich diesen Weg nach oben laufen könne, um in mein Auto zu springen und wegzufahren, war mir zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht bewusst. Mit Müh und Not ergatterte ich noch einen Balken Netz und rief meinen Freund an, um mich für die nächsten Tage zu verabschieden. „Und du machst jetzt wirklich dein Handy komplett aus?“ fragte er mich ungläubig. „Klar, muss ich ja.“ Und so schaltete ich mein Handy für die nächsten zehn Tage aus.

Die Einfahrt ins Zentrum.

So stand ich also in dem kargen Essbereich, in dem alle 60 Teilnehmer sich einfanden, ihre Ankunft bestätigten und ihre beim Kurs unerlaubten Habseligkeiten wie Handys, Bücher, Computer, Autoschlüssel etc. abgaben. Die eine Hälfte war weiblich, die andere Hälfte männlich. Vor allem waren es Leute in meinem Alter, der Rest etwa im Alter meiner Eltern. Außer den vielen Gepäckstücken gab es in dem Raum nicht viel zu sehen. So widmete ich mich der Lektüre des Tagesablaufs, der in jedem Vipassana Kurs weltweit gleich aussieht und präzise wie ein Schweizer Uhrwerk durchgezogen wird:

4 Uhr: Morgen-Glocke, aufstehen

4.30 – 6.30 Uhr: Meditieren im Zimmer oder Meditationssaal

6.30 – 8 Uhr: Frühstückspause

8 – 9 Uhr: Gruppenmeditation im Meditationssaal

9 – 11 Uhr: Meditieren im eigenen Zimmer oder Meditationssaal

11 – 12 Uhr: Mittagspause

12 – 13 Uhr: Ausruhen, ggf. Gespräche mit den Meditations-Lehrern

13 – 14.30 Uhr: Meditieren im Saal oder im eigenen Zimmer

14.30 – 15.30 Uhr: Gruppenmeditation im Meditationssaal

15.30 – 17 Uhr: Meditieren im Zimmer oder Meditationssaal

17 – 18 Uhr: Abendpause

18 – 19 Uhr: Gruppenmeditation im Saal

19 – 20.15 Uhr: Lehrer-Vortrag im Saal

20.30 – 21 Uhr: Gruppenmeditation im Saal

21.30: Licht aus

Der erste Abend sah noch etwas anders aus und wir unterhielten uns, während wir aßen, anschließend ein paar Infos bekamen und die erste Meditation startete.

So richtig ging es aber erst los, als um Punkt vier Uhr morgens der Gong ertönte. Ich war schon viel früher wach, konnte nicht richtig schlafen, insofern war ich erleichtert, als ich den lauten und dumpfen Gong hörte. Kurz darauf ertönten weitere Gonggeräusche, die sich in etwa so anhörten, als würde jemand Topf schlagend ums Haus gehen, um auch die letzten Schlafenden aus dem Bett zu klopfen.

Schnell anziehen, Zähne putzen und in die weite und bequeme Meditationskluft werfen. Denn enganliegend darf die Kleidung nicht sein. Zwar sind die Geschlechter die vollen zehn Tage ohnehin voneinander strikt getrennt (es gibt separate Eingänge, Schlafräume, Essbereiche und sogar Spazierpfade) und man sieht das andere Geschlecht nur im schummrigen Licht des Meditationssaals, aber keine zu enge Leggings oder kein zu kurzes Shirt soll davon ablenken, warum man eigentlich hier ist.

Ja warum ist man eigentlich hier?

Vipassana bedeutet „Die Dinge so sehen, wie sie wirklich sind“, es ist der Prozess der Selbstreinigung durch Selbstbeobachtung. Sie ist eine der ältesten Meditationstechniken und wurde vor über 2.500 Jahren von Siddhartha Gautama, dem Buddha, wiederentdeckt. Dieser Buddha (denn es gibt ja mehrere, Buddha an sich bedeutet lediglich „Der Erleuchtete“) lebte in Indien und gilt als der Begründer des Buddhismus. Allerdings hat Vipassana an sich nichts mit einer bestimmten Religion zu tun. Es ist glaubensübergreifend und -unabhängig, steht offen für jeden Menschen, der sich dieser Technik offen gegenüber zeigt.

Das Ziel von Vipassana ist die vollkommene Erleuchtung. Zugegebenermaßen ein sehr ambitioniertes Ziel. Hätte der Buddha damals AGBs für Vipassana erstellt, so würde vermutlich im Kleingedruckten stehen: „Keine Gewähr, dass das Ziel in diesem Leben erreicht wird. Möglicherweise muss das nächste oder die nächsten Leben abgewartet werden.“

Um 4:25 am Morgen fand ich mich also in der Meditationshalle an dem mir zugewiesenen Platz ganz hinten in der Mitte direkt an der „Grenze“ zu den Männern ein. Als Schwangere hat man ein paar Sonderprivilegien. So durfte ich mich z.B. während der Meditation an der Wand anlehnen oder auch meine Füße ab und an ausstrecken. Den anderen ist das nicht erlaubt. Für jeden ist ein flaches Kissen sowie eine Decke akkurat bereitgelegt. Natürlich kann man sich aber weitere Kissen, Klötze, Bänkchen und Kissen holen, davon gibt es genug. Denn zehn Stunden pro Tag hält man wohl nur als Guru auf einem dünnen Deckchen aus. So wuchs also über die Zeit der Berg an Kissen und Decken, sie sich ein jeder Meditierende einrichtete. Ich baute mir so etwas wie eine Liegestuhlvorrichtung zusammen, der junge Mann neben mir schichtete zehn Decken übereinander, die am Ende eine Höhe von ungelogen mindestens 80cm erreichten. Es sah jedes Mal aus, als würde er auf ein Pony aufsteigen, wenn er sich auf seinen „Meditationssattel“ schwang.

Am Abend zuvor hatte auch um 21 Uhr die „Noble Stille“ begonnen. Sie ist essenzieller Teil von Vipassana und bedeutet, dass es untersagt ist, miteinander zu kommunizieren. Nicht nur sprechen ist verboten, sondern auch Blickkontakt, Gesten, Zettel schreiben etc. Man soll in dieser Zeit einfach durch nichts Ablenkung erfahren und sich nur mit dem eigenen Geist beschäftigen.

So begann also die erste zweistündige Morgenmeditation, in der man anfangs angewiesen wurde (immer auf Englisch sowie anschließend in der Sprache des Landes, in dem man sich befindet), sich nur auf die Nasenlöcher zu konzentrieren. Richtig gelesen. NUR. DIE. NASENLÖCHER. Und wie und wo dort der Atem ein- und ausströmt. In klitzekleinen Variationen ist dieser Teil der Technik, der Anapana Meditation genannt wird und eine Vorstufe zu Vipassana darstellt, die Hauptbeschäftigung während der ersten 3,5 Tage Meditation. Sprich: Für 35 Stunden lernt man seine Nase und seinen eigenen Atem sehr gut kennen.

In den letzten circa 20 Minuten (sie kamen mir am Anfang wie eine Ewigkeit vor) der zweistündigen Morgensession hört man über Lautsprecher eine der vielen Aufzeichnung von S.N. Goenka (1924-2013). Er ist derjenige, der Vipassana über die ganze Welt hin bekannt gemacht und verbreitet hat. Von ihm kommen auch die Erklärungen und Anweisungen auf Englisch. Natürlich mit einem charmanten indischen Akzent inklusive und insgesamt einer sehr angenehmen Stimme. Zumindest wenn er spricht. Denn Goenka war zwar ein toller Typ, der auch durchaus amüsant in seinen Aufzeichnungen rüberkommt, allerdings kann er eines nicht: Und das ist chanten. Chanten ist das Singen von Mantras. Und bei Goenka war meine erste Assoziation: Ein Inder, der im Wirtshaus um halb drei Uhr morgens besoffen versucht, Schlager mitzugrölen, ohne auch nur die geringste Ahnung der jeweiligen Sprache zu haben. Wie sollte ich das nur zehn Tage durchhalten? Als er verstummte, machten meine Ohren eine tiefe Dankesverbeugung.

Um 6:30 Uhr ertönt erneut der Gong und zeigt an, dass die Frühstückszeit beginnt. Das Essen war wirklich ausgesprochen gut. Alles vegetarisch, sehr viel Obst und Gemüse. Kein Lebewesen zu töten ist ebenfalls eine der Prämissen während Vipassana. So ernährt man sich nicht nur fleisch- und fischlos, sondern findet überall in den Räumen auch sogenannte „Save insect kits“. Ich habe am Anfang überhaupt nicht verstanden, was diese Tupper Dose zu bedeuten hat. Bis ich verstand, dass man damit die sich ins Innere verirrten Krabbeltiere und Insekten rettet, um dieses Gebot nicht zu verletzen. Mir graust es nicht vor viel, aber „Ohrenwuzler“ (auf Hochdeutsch laut Wikipedia unter „Ohrwürmer“ bekannt) finde ich nicht unbedingt prickelnd. Da man in der Zeit aber keinerlei sozialen Kontakt hat, freut man sich sogar, wenn ein solcher über die Hand krabbelt und trägt ihn brav und sanft wie ein kleines Kätzchen nach außen.

Zurück zum Essen: Morgens gab es allerlei gute Dinge wie warmen Porridge, gekochtes Obst, Müsli mit Joghurt oder Milch, Brot, Marmelade, Butter und verschiedenes Obst. Dazu trinkt man vor allem Wasser oder Tee. Kaffee gibt es zwar als Pulver, aber selbst die Italiener verschmähten diesen konsequent. Ich aß jeden Tag exakt dasselbe: Porridge mit gekochtem Obst, dazu noch frische Banane, Apfel und eine Pflaume. Zwei Scheiben Weißbrot mit dick Butter und Aprikosenmarmelade. Davor einen halben Liter warmes Wasser. Denn das tut mir einfach gut, egal wo ich bin.

Am Ende eines jeden Mahls spült jeder sein eigenes Geschirr ab. Und hier wurde es zum ersten Mal in meinem Kopf „unchristlich“, oder „unbuddhistisch“, wie auch immer: Manche schienen dort in diesem Zentrum zum ersten Mal in ihrem Leben mit der Hand abzuspülen. Entweder stellten sie sich vor, wie sie mit dem Schwamm den Körper ihres Liebsten gefühlvoll einmassierten oder sie hatten einfach null Plan vom Abspülen. Sorry Buddha, aber fast jeden Morgen wurde ich beim Anblick leicht aggressiv. Dabei dachte ich an meinen Freund und wie er wohl freiwillig angeboten hätte, für die gesamte Mannschaft abzuspülen. Denn er ist nicht nur ein überragender Koch, sondern auch ein absoluter schnell-abspül-Profi. Müssen die Teller jetzt auch unbedingt mitmeditieren fragte ich mich manchmal. Aber es war nichts zu ändern. Man durfte ja weder etwas sagen, noch die Augen rollen. So wartete ich jedes Mal (zumindest äußerlich) geduldig bis ich an der Reihe war und machte mich dann meistens gegen 7 Uhr zurück auf den Weg in mein Zimmer, um mich von 7 bis 7.50 Uhr (dann ertönt der nächste Gong) noch einmal hinzulegen.

Ich hatte ein Zweierzimmer mit einer älteren und sehr zierlichen italienischen Dame, Ornella hieß sie. Immer wie aus dem Ei gepellt, aber nachts schnarchend wie ein 150kg schwerer Lastwagenfahrer nach einer Palette Dosenbier. Trotzdem: Meine Ruhezeiten ließ ich mir nicht nehmen und so schlief ich immer mehr oder weniger selig nach dem Frühstück ein.

Unser Zimmer für 10 Tage.

Zu Mittag gab es jedes Mal eine Gemüsesuppe, Reis, Hülsenfrüchte wie Linsen oder Bohnen (Gott sei Dank roch ich deren Auswirkungen kein einziges Mal im Meditationssaal), dazu Ofengemüse, Salat und allerlei Körner und Gewürze. Ich schaufelte mir jedes Mal so viel wie möglich auf den Teller (Hallo?! Schwanger!!) und setze mich dann zu den anderen Damen für unser stilles Mahl.

Das Beobachten und (leider konnte ich es nicht abstellen) Bewerten der Essgewohnheiten der anderen wurde meine Hauptbeschäftigung. Außer einmal, als ich mir Mangold auf den Teller geladen hatte, weil ich dachte es sei Spinat. An diesem Tag war ich eher damit beschäftigt, den Mangold möglichst lautlos runterzuwürgen. Ich mag wirklich Mangold nicht. Gar nicht. Aber eigentlich mag ich auch keinen Fenchel. Trotzdem trank ich am ersten Abend Fencheltee. Schlicht aus dem Grund, weil ich starkes Heimweh hatte und mein Freund nicht nur Fenchel anbaut, sondern ihn auch gerne isst. Beim Geruch des Fencheltees in meiner Tasse flossen mir zum ersten Mal Tränen hinunter. Ich fragte mich, warum ich mir das eigentlich antat, zu Hause hatte ich es doch so schön. Mit meiner Familie, meinen Freunden, den Tieren. Aber ich musste ja immer etwas ganz Spezielles machen. Stupid me.

Ähnlich erging es mir auch am zweiten Tag und ich dachte ernsthaft über meine Abreise nach. Ich vermisste mein Zuhause und meinen Freund so sehr. Man kann sich das vielleicht nur schwer vorstellen, aber wenn man komplett von allen äußeren Stimuli (weder lesen, noch schreiben, noch reden, noch Social Media etc.) abgeschirmt ist, so denkt sich der eigene Geist: Cool, ich zeig ihr jetzt mal einen coolen Film, und zwar in Dauerschleife!

Was ich in den ersten Tagen gesehen habe, war alles anderes als cool. Man glaubt kaum, wie abgefuckt der eigene Verstand ist. Ich sah nicht nur sämtliche Familienmitglieder und Freunde eines grausamen Todes sterben, sondern auch mich verunglücken, ermordet werdend, bei der Geburt versterbend, all das zusammen mit dem Untergang der Welt in Flammen als Auswirkung der Klimakatastrophe. In den verschiedensten Variationen, sich ständig wiederholend. Die meisten kennen wohl Harry Potter und diese Kiste, die sich öffnet und dann die eigenen schlimmsten Ängste hervorbringt. Mein Verstand war diese Kiste.

Ich hatte schon von vielen Leuten gehört, dass gerade die ersten Tage Vipassana sehr hart seien. Dabei dachte ich mir (wieder: stupid me): Ach, du hast doch alles geregelt und schön. Bist gesund und glücklich, hast eine wunderbare Familie und den besten Freund der Welt, bekommst bald ein gesundes Kind und insgesamt ist doch alles paletti. Was soll dir also passieren? Alles soweit richtig. Interessiert den Verstand aber herzlich wenig, dass du „eigentlich“ ja gesund und glücklich bist. Zusammenfassend kann man wohl sagen, dass der Verstand in den ersten Tagen auf Hochtouren daran arbeitet, dir deine tiefsten, fundamentalsten und grauenvollsten Ängste und Albträume wie in einem oscarprämierten Film zu zeigen. Und zwar ständig.

An den ersten beiden Tagen vergoss ich einige Tränen. Jedes Mal wenn ich vom Meditationssaal die 60 steilen Treppen zum Haupthaus hinunterging, so schaute ich auf die dort geparkten Autos. Und hoffte jedes Mal, dass dort der weiße E-Nissan meines Freunds stehen würde, um mich abzuholen, weil er es ohne mich nicht ausgehalten hatte. Leider standen tagtäglich dort nur fünf Fiat Pandas. Jedes Mal schluckte ich einen dicken Klos hinunter und wanderte tapfer die Treppen nach unten als auch nach oben. Mindestens acht mal pro Tag für die jeweiligen Meditationssessions. Denn aufgrund meiner kleinen Mitbewohnerin, die es sich meistens auf meiner Blase gemütlich machte, musste ich nach jeder Session gekrümmt nach unten laufen, um dort die Toilette aufzusuchen. Zusammen mit den anderen Stufen erklomm ich so täglich um die 600 Stufen. Was mich aber nur unwesentlich von meiner inneren Misere und von meinem Leiden ablenkte. Ich durchlebte auch Erfahrungen als meiner Kindheit immer wieder aufs Neue. Als ich zum Beispiel einmal in den Reiterferien war und solches Heimweh nach meinen Eltern verspürte, dass ich schluchzend zuhause anrief und meine Eltern bat, dass sie mich doch abholen mögen. Ich würde auch alles für sie tun, was sie von mir verlangten. Ich empfand ein solches Mitgefühl mit meinem damaligen Selbst, dass ich mir schwor, dass auch ich mein Kind von jedem Ort abholen würde, wenn es sein Zuhause vermissen sollte. Auch damals holten mich meine Eltern ab und ich werde ihnen ewig dafür dankbar sein.

Die fünf Pandas. Zur Erleuchtung kommt man scheinbar schneller in einem Fiat.
Die 60 Stufen.

Vielleicht würde mir das Durchhalten der zehn Tage helfen, mich von diesem damals erlebten „Trauma“ zu befreien. So harrte  ich also still und heimlich beim Essen und Meditieren meine Tränen aus und der dritte Tag verlief auch ein klein wenig besser.

Dann kam Tag vier. Ich hatte schon ziemlich schlecht geschlafen und war irgendwie sehr unruhig und leicht aggressiv gestimmt. Man glaubt es kaum, wie sehr man Aversionen und Sympathien für Leute entwickeln kann, mit denen man noch nie ein Wort gewechselt hat. Eine der Damen hatte eine (meiner Meinung nach) solch bescheuerte Frisur, dass ich jedes Mal wegschauen musste. Eine andere nahm sich jedes Mal aus dem Topf mit zehn gekochten Zwetschgen fünf bis sechs Stück heraus. Was ich einfach nur als asozial empfand und weshalb ich sie auch (gedanklich) mit meinen Blicken strafte – natürlich ohne mir äußerlich etwas anmerken zu lassen. Heute war angekündigt, dass wir in die richtige Vipassana Meditationstechnik eingeführt würden. Juhu, endlich weg von den Nasenlöchern! Bei der Session von 15 bis 17 Uhr war es dann soweit: Knappe zwei Stunden wurde über die Audioaufnahmen geschildert, wie wir von Scheitel bis zu den Zehenspitzen unseren Körper durchscannen sollten, von oben nach unten und von unten nach oben. Immer und immer wieder. An sich brachte die Technik eine willkommene Abwechslung. Ich kann auch nicht mehr sagen, was genau der Auslöser war. Vielleicht war es die komplette Isolation für bereits vier Tage, die vielen wirren Bilder im Kopf oder das intensive sich-Auseinandersetzen mit dem eigenen Körper. Jedenfalls wurde mir in der Session sehr heiß, ich konnte kaum stillsitzen. Plötzlich fühle ich Tränen in mir hochsteigen und ein Gefühl der inneren Leere gepaart mit absoluter Verzweiflung. In mir steigt der Gedanke hoch: „Du weisst nichts!“. Aber damit ist nicht ein intellektuelles Nichtwissen gemeint, das ja vor allem am Ego kratzen würde. Das Gefühl, das ich habe, kann ich auch nur schwer beschreiben. Jetzt mit einigen Tagen Abstand, kann ich es auch nur noch ganz schwer greifen, es ist mir fast unverständlich. Es ist mehr ein spirituelles Nichtwissen, das mir das Gefühl gibt, als würde das Fundament, auf dem mein Leben steht, einfach wegbrechen. Eine fundamentale Angst. Zusammen mit der schmerzhaften Erkenntnis der Endlichkeit von allem. Natürlich bin ich mir auch schon vorher der Vergänglichkeit von allem bewusst gewesen. Wusste, dass alles irgendwann ein Ende haben würde. Aber in diesen Tagen kann ich sie zum ersten Mal auch spüren, die Endlichkeit von Dingen. Alles hat ein Ende. Jedes Erlebnis, jeder Mensch, jedes Tier, jede Sache. Jeder einzelne Moment ist vergänglich. Als der Endgong ertönt, laufen viele angespannt und völlig fertig aus dem Saal. Einige weinen. Ich gehe nach draußen und starre kurz in den Himmel. Anstatt wie üblich direkt zum Abendessen zu gehen, mache ich noch eine Spazierrunde. Ich habe das Gefühl die Nerven zu verlieren. Fühlt sich so ein Nervenzusammenbruch an? Oder ist es eher eine Panikattacke? Ich setze wie ein Roboter einen Fuß vor den anderen und versuche mich selbst irgendwie zu beruhigen. Nackte Verzweiflung macht sich in mir breit. Gedanklich sage ich mir: „Du bist sicher, du bist in Europa. Nichts kann dir passieren. Du kennst Italien und wenn du willst, kannst du jederzeit deinen Schlüssel holen, in dein Auto steigen und nach Hause fahren. Dort warten deine Eltern, dein Freund, alle die du liebst. Du bist sicher, nichts kann dir passieren…“ Wie ein Mantra sage ich mir das wieder und wieder vor. Mein Verstand ist gefühlt im Notstandmodus und versucht mit rationalen Argumenten meinen Geist und meine Seele zu beruhigen. Es gelingt mir nur schlecht. Nachdem ich beim Abendessen nur schnell ein Stück Obst esse, lege ich mich auf mein Bett und lasse den Tränen freien Lauf. Ich fühle mich wirklich verzweifelt. So als ob mein Leben bisher eine totale Illusion gewesen wäre. Als die nächste Meditation beginnt, schluchze ich noch immer lautlos vor mich hin. Als ich es schaffe, mich auf die Technik zu konzentrieren und mich an den realen Empfindungen im Körper entlangzuhangeln, beruhige ich mich etwas. In diesem Moment wird mir bewusst, was „Realität“ eigentlich bedeutet. Die körperlichen Empfindungen im Moment, der Atem, Wind, das Essen, Sonne, Erde. Ängste, Sorgen und Zweifel sind nicht real. Sie sind vom Verstand produzierte Dinge. Diese Einsicht, die ich richtig fühlen kann, gibt mir Zuversicht.

Ab diesem Abend geht es bergauf. Vor dem Zubettgehen gehe ich duschen. Auch Wasser ist real, wie ich bemerke. Die Dusche hat in etwa den Wasserdruck eines Rinnsaals und wechselt von eisig kalt auf brühend heiß im Sekundentakt. Es fühlt sich an, als würde mir jemand auf den Kopf pieseln.

Wenn ich sage, dass es ab Tag 5 leicht war, so würde ich lügen. Noch immer vermisste ich mein Zuhause schmerzlich. Noch immer schaue ich jedes Mal auf den Parkplatz, ob dort jemand auf mich wartet. Noch immer schaute ich jeden Abend in den Sternenhimmel und dachte mir, dass mein Freund genau den selben Anblick hat, wenn er in den Sternenhimmel schaut. All dies beruhigt mich. Ich zählte bis zum letzten Tag mehrmals täglich die noch verbleibenden Tage. Noch 5/6 übrig, noch ¾, noch 2/3, noch ½ und so weiter… Als ich bei einem der Vorträge hörte, dass Vipassana ursprünglich auf sieben Wochen (!) ausgelegt war, im Laufe der Zeit mit dem wachsenden Tempo der Gesellschaft aber auf zehn Tage geschrumpft wurde, so fühlte ich mich ausgesprochen privilegiert. Sieben Wochen hätten mich persönlich wohl entweder zur Erleuchtung geführt oder direkt in die Psychiatrie. 

Ich umgab mich mit Dingen, die mich an meine Liebsten erinnerten: Trug den Wollpullover meiner Mama, die Kette meines Papas, starrte die beigen Nike Turnschuhe einer Teilnehmerin an, weil meine beste Freundin Evelyn die gleichen hatte. Nur von meinem Freund hatte ich nichts dabei. Dachte ich. Dann besann ich mich darauf, dass ich ihn immer zur Hälfte in meinem Bauch in mir trug. Unsere kleine Tochter ist zur Hälfte er. Das gab mir unglaublich viel Kraft und beruhigte mich ungemein.

So hangelte ich mich also von Tag zu Tag und motivierte mich selbst mit unterschiedlichen Geschichten. Wenn mir der Tag noch unglaublich lang vorkam (also eigentlich jeden Tag), dann rief ich mir die Geschichte von dem Straßenkehrer Beppo in Momo ins Gedächtnis: Schritt, Atemzug, Besenstrich. So ging es immer weiter. Wenn meine Gedanken mir wieder wilde Angstszenarien zeigten, so sagte ich mir: This too shall pass. Meine Lieblingsgeschichte über einen König mit seinem Ring, der ihm lebenslanges Glück versprach und im Kern bedeutete, dass nichts für immer ist. Alles geht vorüber, die guten aber auch die schlechten Dinge. Und der daraus resultierende Gleichmut, der sich dadurch einstellen sollte. Der Begriff der Gleichmut begegnete einem unzählige Male pro Tag. Gleichmut ist essentieller Bestandteil von Vipassana und der Wesenszug, der den Schlüssel zum inneren Frieden darstellt: Aufmerksames Beobachten mit Gleichmut. Nicht nur dem Körper und dem eigenen Atem, sondern auch dem ganzen Leben soll mit dieser Gleichmut begegnet werden. Deshalb beobachtet man auch tagein, tagaus seinen Körper und trainiert seinen Geist, auf jede Empfindung, ganz gleich ob angenehm oder hoch schmerzhaft, mit Gleichmut zu reagieren. Und diesen Gleichmut brauchte man wirklich dringend. Denn ab Tag 4 galt es, an drei der zehn Stunden Meditation pro Tag komplett still zu sitzen. Nicht die Augen öffnen, nicht die Beine oder Arme bewegen. Nur atmen und sonst regungslos dasitzend und gleichmütig den Körper beobachten. In diesen zehn Tagen fühlte ich mich meinem Baby im Bauch so nah wie selten. Jede noch so kleine Bewegung bekam ich mit. Meistens war sie bei der Meditation sehr aktiv. Aber manchmal spürte ich auch für eine halbe Stunde gar nichts. Was mich regelmäßig in leichte Panik verfallen ließ. Im Grunde wurde wir dann aber bewusst, dass sie meine beste Lehrerin für Gleichmut war. Es zur Kenntnis nehmen, wenn sie sich bewegte, aber auch nicht Angst zu bekommen, wenn sie es nicht tat. Ich war sehr froh, dass sie in meinem Bauch war. Denn so hatte ich nie das Gefühl alleine zu sein. Sie gab mir Stärke, Mut und Durchhaltevermögen. Mein kleiner Glücksbuddha. Äußerlich sah ich ja selbst aus wie ein Buddha, wie ich mit meinem Bauch so da saß.

Das Konzept der Gleichmütigkeit warf aber auch Fragen in mir auf. Und so suchte ich an Tag sechs die Lehrerin zur Mittagszeit auf. Jeder Schüler hatte fünf Minuten für seine Fragen.

Ich kann den Dialog nur noch grob wiedergeben, aber er lautete in etwa folgendermaßen:

Ich: „Warum zeigt mir mein Unterbewusstsein solch schlimme Dinge?“

Lehrerin: „Dass du solche Sachen siehst, sagt nichts über deine Persönlichkeit aus. Du siehst die Verunreinigungen deines Geistes. All das ist im Unterbewusstsein gespeichert und es kommt jetzt zu Tage. Wie der schlammige Untergrund eines Sees, der bei einem Sturm aufgewirbelt wird.“

Ich: „Wenn ich aber nun andauernd meine Liebsten vor mir sehe, ist es dann ein Zeichen dafür, dass die Gefühle für meine Lieben, die Liebe, die ich für sie empfinde, unreine und falsche Dinge sind, denen ich anhafte?“

Lehrerin: „Nein, diese Dinge sind keineswegs unrein oder falsch. Was ausschlaggebend ist, ist wie du darauf reagierst, wie du damit umgehst, was du siehst. Auf gleichmütige und ausgeglichene Weise oder auf ungesunde Weise.“

Ich: „Aber wenn man allem mit Gleichmut begegnen soll, ob gut oder schlecht, gibt es dann in letzter Konsequenz überhaupt so etwas wie wahre Liebe und Freude? Oder sollte man sich von diesen Gefühlen freimachen, da man ihnen anhaftet und man ihnen nicht gleichmütig gegenüber ist, wenn man sie schön findet?“

Lehrerin: „Ja, diese Dinge existieren in der Realität. Jedoch nur, wenn du Liebe und Freude ohne ein ungesundes Anhaften an ebendiese Gefühle erlebst. Wenn du zum Beispiel zum Geburtstag deines Kindes einen Kuchen backst, dann kannst du dabei pure Freude empfinden und dich daran erfreuen. Wenn der Kuchen allerdings im Ofen verbrennt, so ist es ausschlaggebend, wie du darauf reagierst. Wenn du ausrastest und in Tränen ausbrichst, dann bist du nicht gleichmütig. Es kommt also immer darauf an, wie du mit dem jeweiligen Gefühl umgehst.“

Diese Aussage beruhigte mich, denn ich hatte mich zuvor schon ernsthaft gefragt, ob man denn wahrlich lieben könne, wenn alles gleichmütig zu geschehen habe. Aber ihre Erklärung machten Sinn für mich. 

Natürlich klappte das Meditieren nicht immer. Wie oft bin ich gedanklich in die Zukunft und Vergangenheit gereist. Wie ich am letzten Tag, als die „Edle Stille“ aufgehoben wurde, dann von den anderen Damen erfuhr, reisten manche gedanklich um die ganze Welt. Manche schrieben eine philosophische Abhandlung, eine andere eine Bewerbung für eine Doktorarbeit. Bei den Männern scheinen die Tagträume während der Meditation wohl anders ausgesehen zu haben. Einer der Küchenhelfer verriet uns, dass die männlichen Kollegen nicht so hochgeistig wie wir unterwegs waren. Aber er wollte uns nicht mit Details traumatisieren 😊

Trotzdem schärfen sich die Sinne immens. Nicht nur erhöht sich die Kapazität aufmerksam zuzuhören und sich Dinge zu merken, auch das Bewusstsein, wann der Geist auf Wanderschaft geht, wird besser.

Abends gab es immer eine Stunde eine Art philosophischen Vortrag. Das war jedes Mal mein Tageshighlight. Da ich den Vortrag in meiner Muttersprache hören durfte, bekam ich einen mp3 Player mit dem ich mich auf mein Zimmer verzog. Die eigene Sprache zu hören hatte auch einen seltsam beruhigenden Effekt auf mich. Dort fühlte ich mich so selig, wenn ich mir meinen „Netflixabend für Arme“ machte: Ausgestreckt lag ich auf meinem Bett, aß ein paar trockene Cornflakes und lauschte dem Deutschen mit dem Zungenschlag. Dazu trank ich Tee. Herrlich!

Manche vergleichen Vipassana mit einer Sekte oder dem Knast.

Sektenähnlich finden sie wohl den Fokus auf ausschließlich eine Sache und die strikte Disziplin, die einem vermeintlich auferlegt wird. Im Grunde ist dies aber nur zum Wohl des Meditierenden. Denn ohne diese strikten Regeln würde man vermutlich davon laufen. Wenn in den ersten Tagen von irgendwo ein Bus nach Moosinning gegangen wäre, ich hätte ihn genommen. Ich wäre wohl auch auf einem Moped nach Hause getuckert. Knastähnlich ist vielleicht der strikte Tagesablauf und der nicht vorhandene Kontakt nach außen. Ich würde Vipassana am ehesten noch mit einem Entzug vergleichen. Nicht nur die sämtlichen Enthaltungen (natürlich auch kein Alkohol, keine Zigaretten oder sonstige Drogen), sondern auch die leeren und traurigen Gesichter. Kein einziges Mal wurde gelacht. Jeder war so mit sich selbst beschäftigt und Kommunikation war ohnehin nicht erlaubt. Dieses Lachen fehlte mir immens. So klebte ich mir einen Aufkleber mit meinem Namen und einem Smiley auf meine Trinkflasche. Denn als Schwangere bekam ich Abends auch immer eine kleine Mahlzeit und diese war immer mit meinem Namen und an einem Tag auch mit einem Smiley gekennzeichnet. Der Rest der Gruppe bekam Abends nur Obst und Tee. Diejenigen, die den Kurs schon mehr als einmal besucht hatten (und davon gab es jede Menge, manche waren bereits zum achten Mal dabei), bekamen nur heißes Zitronenwasser.

Meine Trinkflasche mit dem Smiley.

Was jedenfalls verkehrter nicht sein könnte, ist Vipassana als Urlaub zu bezeichnen. Im Vorfeld dachte auch mein Freund ich würde das zur Entspannung oder gar Erholung machen. Er hätte nicht falscher liegen können. Es waren die härtesten und intensivsten zehn Tage meines Lebens.

An Tag fünf fand ich am Wegesrand beim Spaziergang ein vierblättriges Kleeblatt. Ich habe ein richtiges Talent, sie zu finden. Überall sehe ich sie. Aber dort war es wie eine Offenbarung. Ich starrte dieses Kleeblatt so ehrfürchtig an, dass ich es bis zuletzt nicht pflückte, sondern es jeden Tag zur gleichen Uhrzeit besuchte und es ganz zart anfasste. Ich hoffe, dass es noch immer dort steht und zukünftigen Meditierenden den gleichen Effekt wie mir bescherte: Freude, Friede und Glückseligkeit.

Insgesamt war die Hauptbeschäftigung also das aufmerksame Beobachten. Primär von sich selbst, aber weil das dem Verstand irgendwann zu langweilig wird auch von anderen. Ich saß beim Meditieren direkt an der Grenze zu den Männern. Da man ja ihre Namen nicht kannte, erfand ich einfach Namen für sie. Einer sah aus wie Jesus, auch trug er immer helle Kleidung aus Leinen. Wenn er seine langen Haare zurückband, dann schüttelte er sie jedes Mal zuvor in Zeitlupe wie in einer kitschigen Shampoo Werbung. Ein anderer sah aus wie Nicolas Cage mit Man Bun. Er kam oft zu spät. Dann dachte ich mir wieder: „Ah schau her, Nicolas Cage ist auch wieder da“. Ein älterer Herr hatte frappierende Ähnlichkeit mit Bill Gates.

Da man irgendwann alle Menschen dort lange genug angestarrt hat, geht man dazu über, alles zu lesen, was sich irgendwie finden lässt. Und damit meine ich wirklich alles. Denn Bücher waren ja auch nicht erlaubt. So musste ich jedes Mal still in mich hineinlachen, wenn meine Mitbewohnerin jeden einzelnen Abend das Infoheftchen mit dem aufgedruckten Tagesablauf minutiös studierte. Entweder wollte sie den Ablauf auswendig lernen oder sie hoffte, dass er sich durch das viele Meditieren irgendwann ändern möge. und dort statt „Gruppenmeditation im Saal“ irgendwann „Shoppingausflug nach Mailand“ auf dem Programm stehen möge. Eine andere las jedes Mal beim Mittagessen den Aufkleber des vor ihr hängenden Feuerlöschers durch. Ich war überzeugt, dass sie sich vorstellte, wie ein Feuer ausbrach und wir alle notevakuiert werden müssten und so der Kurs ein vorzeitiges Ende fand. Ich lernte das Hinweisschild auf der Toilette in beiden Sprachen auswendig. Ich glaube ich werde es in 50 Jahren immer noch im Schlaf aufsagen können.

Das Toilettenschild. Unzählige Male gelesen und auswendig gelernt.

Für wen ist Vipassana nun also geeignet?

Es steht jedem einzelnen Menschen offen und kann bei jedem Wirkung zeigen. 

Die Richtlinien weisen allerdings ganz klar darauf hin, dass man bei einer psychischen Erkrankung keinen solchen Kurs besuchen sollte. Es wird zwar auch gesagt, dass man bei sämtlichen psychischen als auch physischen Erkrankungen große Erfolge durch die Methode erfahren, dies aber nicht gewährleistet werden könne. Ich denke auch, dass solche Verbesserungen durchaus möglich sind. Aber je härter und schlechter die Ausgangsverfassung ist, umso härter ist wohl das Tal, durch das man anfangs wandern muss. Denn man muss damit rechnen, dass jedes Thema, das man mit sich herumschleppt, in 10-facher Stärke präsentiert wird. So glaube ich auch, dass Vipassana in Lebenskrisen, bei Liebeskummer oder auch Burnout helfen würde. Aber man muss sehr stark sein, um das durchzuhalten. Ich weiß nicht, ob ich es mit akuten Sorgen und Problemen im Gepäck geschafft hätte. 

Definitiv geeignet ist es für Menschen, die sich auf sehr tiefer Ebene weiterentwickeln möchten. Für diejenigen, die sich selbst erkennen möchten. „Erkenne dich selbst“ ist ein Leitspruch. Und das sich selbst erkennen kann manchmal ziemlich schmerzhaft sein. In letzter Folge aber auch sehr befreiend. 

Bin ich nun also erleuchtet, wie es das Ziel propagiert?

Sicherlich nicht, sogar weit davon entfernt. Gefühlt weiter denn je. Höchstens ein kleines Lämpchen begann in mir zu flimmern. Immer noch habe ich negative Gedanken in Hülle und Fülle. Bewerte, urteile und lästere. Aber es fällt mir sehr schnell auf, weil ich auch meine Gedanken bewusst und ständig beobachte. Ich bin präsenter und verständnisvoller und fühle mich sehr ruhig und ausgeglichen. Wie ein Fels in der Brandung. Meine Schwangerschaft fühlt sich so stabil wie noch nie zuvor an.  

Sogar eine körperliche Auswirkung ist erkennbar. Ich habe in den 10 Tagen 3kg abgenommen. Was weder mein Ziel war, noch besonders erstrebenswert ist in der Schwangerschaft. Außerdem habe ich gegessen wie ein Scheunendrescher. Erklärt werden kann es nur dadurch, dass durch das ständige Meditieren das parasympathische Nervensystem (zuständig für Entspannung und Verdauung) so sehr stimuliert wurde, dass kein Cortisol (neben Adrenalin das zweite Stresshormon) im Körper ausgeschüttet wurde. Und Cortisol zeigt dem Körper an, dass er Fett einlagern soll. Bei mir war durch das viele Meditieren kein Cortisol im Organismus vorhanden. 

Und zumindest in der Theorie habe ich ein Verständnis dafür bekommen, wie man zur Erleuchtung kommen könnte. Wobei nur das intellektuelle Wissen wenig weiterhilft. Essentiell ist das praktische Erfahren. Und das kommt nur durch stetige Disziplin, sich ständiges Beobachten und viel meditieren. Morgens eine Stunde und Abends eine Stunde. Und einmal im Jahr einen 10-Tageskurs. 

Was ich mit großer Sicherheit weiß: Der Weg, den ich noch vor mir habe, ist sehr lange und sicherlich auch steinig und steil. Aber um zur Erleuchtung gelangen habe ich noch viel Zeit. Wie Goenka sagt, so reicht manchmal ein Leben dafür nicht aus. Manchmal benötigt man zwei, manchmal mehrere. Am wichtigsten ist der erste Schritt und den bin ich gegangen. 

Werde ich es nochmal tun? Hätte man mich vor zehn Tagen gefragt, so hätte ich laut gerufen: „HELL NO, auf gar keinen Fall!“. Jetzt würde ich sagen, dass ich es nicht weiß. Momentan verspüre ich kein Bedürfnis danach. Und sollte ich doch wieder ein solches Unterfangen starten wollen, so wird wohl mein Freund auch ein Wörtchen mitzureden haben. Denn auf einem kleinen Zettelchen, den ich unerlaubterweise zusammen mit einem Mini-Bleistift hineingeschmuggelt habe, habe ich ein paar Dinge aufgeschrieben, die ich ihm unbedingt sagen wollte. Darunter sind:

  1. Ich liebe Dich. 
  2. Wo du bist, ist mein Zuhause.
  3. Es tut mir leid, dass ich letztes Mal nach unserem Streit ins Bett gegangen bin, ohne mich wieder mit dir zu vertragen. 
  4. Bitte lass mich nie wieder so lange und ohne Kontakt gehen. 

Schauen wir also, wie mein Weg weitergehen wird. Zuversichtlich bin ich durchaus und ich habe auch schon wieder ein weiteres Glückskleeblatt gefunden. Dieses Mal zuhause. 

Zentren für Vipassana und Infos sowie Kursorte und -daten findet man unter www.dhamma.org

Die Kurse sind kostenfrei und das System trägt sich auf freiwilliger Spendenbasis.

„Ich muss mehr für mich tun!“ – Warum gute Vorsätze und Routinen manchmal mehr Stress als Entspannung bedeuten können.

Meine neue “Morgenroutine” 🙂

Ich liege auf meiner Couch und denke nach. Am anderen Ende der Leitung ist Udo, mein Kollege aus der Coachingausbildung. 

Dass ich mich in letzter Zeit irgendwie unwohl fühle, ist mir klar.

Körperlich muss ich mich schonen, das sagt zumindest mein Arzt. Sobald man den Begriff „Frühgeburtsrisiko“ hört, hält man die Füße still. Die Gedanken tun das nicht. Ganz im Gegenteil.

Also erzähle ich ihm, was momentan so los ist. Dass vieles herausfordernd ist, das meiste aber auch wunderschön. Aber ich mich trotzdem innerlich so unruhig fühle. 

Ich denke das kennen viele. Man hat das Gefühl, dass etwas nicht passt. Kann aber nicht richtig lokalisieren, was es nun ist. Arbeit, Partner, Gesundheit, Eltern, Finanzen oder doch etwas anderes?

Irgendwie ist man unzufrieden, unruhig, genervt, sensibel und forscht unaufhörlich nach, was einem denn jetzt nicht passt. 

Nach gewisser Zeit kommt der Satz „Ich muss mehr für mich tun!“ über meine Lippen. Ich halte kurz inne. Eigentlich ist Selbstliebe und Selbstfürsorge doch etwas Gutes. „Mehr für sich selbst tun“ klingt wichtig und richtig. Selbstliebe ist das A und O für ein glückliches Leben. Dabei ist z.B. die persönliche Morgenroutine ein großer Trend und auch ich bin ein großer Anhänger. Doch trotzdem löst dieser Satz in mir Schuldgefühle und eine gewisse Beklemmung sowie innerliche Anspannung aus. Das zeigt mir, dass ich meinen aktuellen Glaubenssatz gefunden habe. 

Was ist eigentlich ein Glaubenssatz? Im Grund kann jeder einzelne Gedanke ein Glaubenssatz sein. Dass es einer ist, merkt man am einfachsten daran, dass uns der Gedanke nicht in Freude und ein Gefühl inneren Friedens versetzt, sondern unruhig und unzufrieden werden lässt. Manchmal sogar traurig oder verletzt bis hin zu einer inneren Starre.

Es können Gedanken sein wie: Ich sollte mehr arbeiten! Ich sollte weniger arbeiten! Ich sollte mehr Sport machen! Ich sollte mehr Zeit mit meiner Familie verbringen! Ich sollte abnehmen! Ich sollte mehr essen! Jeder Gedanke kann ein Glaubenssatz sein. Ausschlaggebend ist die individuelle Bedeutung für die jeweilige Person. 

Oftmals stammen sie aus der Kindheit und sind mit Erfahrungen und Erwartungen aus der Kindheit verbunden. Unsere Kindheit prägt uns, aber sie muss uns nicht bestimmen. 

Zurück zu meinem Glaubenssatz: Ich muss mehr für mich tun.

Vor zwei Monaten bin ich zu meinem Freund auf einen wunderschönen Bio-Bauernhof gezogen. Mit mir meine beiden Pferdchen, die das Leben hier so sehr genießen wie ich. 

Mein Tagesablauf hätte sich dadurch nicht mehr ändern können.

Von einer schicken Stadtwohnung, in der ich morgens einer festen Morgenroutine gefolgt bin, die von Meditation im Stillen, Yoga oder Joggen, Journalling bei einer Tasse Tee, dem Aroma-Öl-Vernebler im Hintergrund und einem komplett selbstbestimmtem Ablauf geprägt war, hin zu einem schnellen Glas Wasser in der Früh bevor es in die Gummistiefel geht und dann ab in den Stall, wo zwei Pferde mich hungrig anwiehern, ein Lämmchen lautstark (ihr macht euch keine Vorstellung wie laut das sein kann!) nach der Flasche verlangt, ein Huhn mir gackernd zwischen den Beinen herumläuft, die Katzen gefüttert werden wollen und der Hund nicht Ruhe gibt, bevor er nicht seine angemessene Guten-Morgen-Kraulerei bekommt. Und das ist nur der frühe Morgen. 

Klar habe ich mir das selbst ausgesucht und ich liebe es. Trotzdem muss mein Ego das erst mal verkraften. Dass es nicht mehr nur um mich selbst geht. Dass mein Tagesablauf nicht zu 100% von mir selbst bestimmt werden kann. 

So viel zum Hintergrund und zurück zum Gespräch mit Udo. Seit unserer Coaching Ausbildung telefonieren wir regelmäßig miteinander, um uns gegenseitig durch den „The Work of Byron Katie“ Coaching Prozess zu begleiten. Auch ein Coach braucht einen Coach und oft ist das bei mir Udo, der in seiner pragmatischen und seelenruhigen Art den Raum perfekt hält. 

So auch dieses Mal. Wie immer beginnen wir mit einer kleinen Meditation. Einfach nur dem Atem folgen. Zum ersten Mal entspanne ich mich merklich und merke wieder einmal, wie gut und heilsam einfach nur Stille und Nichtstun ist. Durch diese anfängliche Ruhe kann ich mich fallen lassen und komme durch „The Work“ und die Umkehr meines anfänglichen Glaubenssatzes zu folgenden Einsichten:

  1. Ich muss nicht mehr für mich tun.

Wer sagt mir denn, dass ich mehr für mich machen muss? Eigentlich nur ich selbst bzw. mein Ego, das Angst vor Veränderungen hat und am Gewohnten festhalten will. 

Vor allem kommt es doch darauf an, WIE man etwas tut bzw. nicht tut.

Denn ich kann zwei Stunden „meditieren“ und dabei schwirren mir aber die To Dos der Woche durch den Kopf oder ich kann den Tag über kleine Momente nutzen und dabei ganz bewusst sein. Wenn ich zum Beispiel dem Lämmchen die Flasche gebe und es währenddessen kraule, kann ich bewusst das flauschige Fell oder die Schmatzgeräusche (vom Lamm, nicht von mir) wahrnehmen. Wenn ich aus dem Küchenfenster die Schafe auf der Weide beobachte, dann kann ich für eine Minute meinem Atem lauschen. Diese bewussten Momente sind zu meiner neuen Meditation geworden. Aber anfangs war mir das nicht bewusst. Es stresste mich den ganzen Tag, wenn ich aufstand, ohne zuvor meditiert zu haben.

2. Ich darf mehr für andere tun. 

Durch den kürzlichen Umzug wurde mein Leben ziemlich umgekrempelt. Von völliger Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit wann ich was tue, lebe ich nun in einem Gefüge aus verschiedenen Individuen, Mensch als auch Tier. Deshalb erschien mir das Füttern und Verpflegen der Tiere, das Kochen für mehr als nur zwei Personen, der Haushalt in einem großen Haus zwar als schön und irgendwie auch erfüllend, aber ich sah es nicht als etwas an, das ich für mich tat. Sondern für andere. Je mehr ich für andere tat, umso schlechter fühlte ich mich, weil ich mich nicht um mich und meine eigenen Aufgaben kümmerte. Dabei verstand ich nicht, dass ich auch durch und mit anderen etwas für mich tun kann. Dadurch, dass ich meine Zeit bewusst gebe und schenke (und nicht, weil ich denke ich müsste es tun), handle ich selbstbestimmt und habe für mein Tun die volle Verantwortung. Dadurch tue ich es automatisch für mich. 

Im Grunde ist es auch ein Zeichen der Zeit. Meiner sogenannten „Umstellungszeit“. Denn ein Baby wird die eigenen Prioritäten sicherlich verschieben. Und wenn ich mir dann jedes Mal beim Stillen denke: „So liebes Babylein, jetzt hab ich etwas für dich getan, jetzt lass Mama auch mal was für sich tun“, dann wird das wohl nur so semi gut funktionieren. 

3. Ich darf mehr für mich tun. 

Im Vergleich zum Ausgangsglaubenssatz ist hier nur das Wörtchen ‚muss‘ in ein ‚darf‘ geändert. Diese kleine Veränderung nimmt aber bereits unglaublich viel Spannung und Druck aus dem Satz. Wenn mir der Sinn danach steht, dann kann ich etwas für mich tun. Es steht mir zu, aber es obliegt meiner eigenen Entscheidung und meiner Laune, nicht meinem strengen Ego.

Gerade während der Schwangerschaft hat jeder einen guten Rat parat. Natürlich immer gut gemeint, aber am öftesten höre ich folgendes: 

„Du musst jetzt viel schlafen, später wird das nichts mehr!“ So als ob man einen zahnlosen und schreienden Terrorist zur Welt bringen würde, der einen bis er 18 ist nie wieder schlafen lässt.

„Ihr müsst jetzt nochmal zusammen in den Urlaub fahren. Nach der Geburt ist das für immer vorbei!“. Mit einem Landwirt als Freund ist Urlaub ohnehin spärlich gesät, aber was ist denn mit Urlaub mit Kind? Ist das denn so schrecklich?

Wenn ich dann noch meinen Instagram Feed durchscrolle und meine schwangeren Freundinnen und Bekannten sehe, wie sie Berge erklimmen, in tolle Cafés gehen, in Barcelona Umstandsmode shoppen und sich halt #metime gönnen, dann stellt sich bei mir auch mal ganz schnell #fomo (= fear of missing out) ein. 

Da fühlen sich gutgemeinte Ratschläge schnell an wie eine strenge To Do Liste, die es zu befolgen gilt, weil die Glückseligkeit sich dann niemals wieder einstellt. 

Und etwas „für sich selbst tun“ verliert das friedvolle und leichte Gefühl. 

4. Ich muss noch weniger für mich tun. 

Wenn ich Revue passieren lasse, wie viel ich an einem Tag tue, dann ist das schon eine Menge. Ich bin mir sicher, dass es jedem so geht: Wenn man sich nur die Zeit nimmt, um bewusst wahrzunehmen, wie viele tausend Kleinigkeiten man eigentlich den Tag über erledigt.

Anstatt also immer noch mehr zu tun, ist es durchaus angebraucht, auch einfach mal wenig oder gar nichts zu tun. Und das bewusst und ohne Reue!

Z.B. einfach nur in Stille dasitzen, ein paar Minuten seinem Atem lauschen, sich auf den Küchenstuhl setzen und den Vögeln beim Zwitschern zuhören, ein kleines Mittagsschläfchen und vieles mehr. Manchmal tendiert man auch dazu, sich eine regelrechte „Entspannungs-Agenda“ zusammenzustellen. Ich kenne das sehr gut und neige auch selbst manchmal dazu. Erst meditieren, dann gehe ich ins Yoga, dann lese ich im Buch Seite 45 bis 68 und dann gehe ich in die Sauna. Kann zwar entspannend sein, wahre Entspannung liegt aber meistens im bewussten Nichtstun. 

Als wir am Ende unserer Session angekommen sind und ich in die Nachwirkungen dieser Erkenntnisse hineinspüre, fühle ich mich wie ein neuer Mensch. Ich atme ruhiger und tiefer, ich fühle mich freier und leichter und bin absolut beschwingt. Ich habe zum ersten Mal seit langem auch wieder Lust, etwas für mich zu tun und empfinde es nicht als Pflicht. 

Wie so oft werde ich mir bewusst, wie heilsam „The Work“ für mich persönlich ist. Es hilft mir immer wieder aufs Neue, den belastenden Glaubenssatz zu finden, die Problematik dahinter zu verstehen und ihn auch gleich aufzulösen.

Meine Herausforderungen derzeit sind damit zweierlei: 

Erstens wieder eine neue „Routine“ für mich zu etablieren und zweitens den Wandel annehmen und daraus lernen, dass die einzige Konstante im Leben die Veränderung ist. Und sich somit auch Routinen ändern dürfen…

My body is my temple – 5 Gründe, deinen Körper (noch) mehr zu lieben.

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In Zeiten von durch Social Media verursachter Unzufriedenheit mit uns selbst, grenzenloser Selbstoptimierung sowie Gesundheits- und Lebensmittelskandalen, möchte ich eine Lanze für unseren wunderbaren, endlos intelligenten und starken Körper brechen. Jeder möchte heutzutage schöner, klüger, schneller und einzigartiger sein. Doch der Körper bleibt dabei oft auf der Strecke. Völlig zu Unrecht! Ein Loblied auf unseren Körper:

1. Dein Körper weiß und kann alles. 

Unser Körper ist ein Biocomputer. Er weiß wann er schlafen und aufwachen soll, wann es Zeit ist auf die Toilette zu gehen. Er behält konstant eine Temperatur von 37 Grad, repariert und heilt sich selbst bei Verletzungen. Er spaltet Essen in verfügbare Energie und Nährstoffe auf. Unser Herz setzt keinen Schlag aus und unsere Lungen nehmen jeden Atemzug. 

Unser Körper ist dauernd damit beschäftigt, Informationen zu verarbeiten und die Umgebung zu beobachten, um nötige innere Anpassungen vorzunehmen, die uns dabei helfen, im Gleichgewicht zu halten.

Er will einen Zustand der Homöostase, den Zustand des Gleichgewichts. Unser Körper möchte gesund sein. Gibt es an der einen Stelle einen Mangel, versucht er ihn andernorts auszugleichen. Und um ihm diesen Zustand zu erleichtern, müssen wir ihm nur zuhören. 

2. Dein Körper spricht mit dir. 

Eigentlich die ganze Zeit. Wenn du gesund bist, sagt er uns: Mach weiter so! Wenn wir krank sind, dann möchte er uns sagen: Halt, etwas stimmt nicht mit mir. Bitte ändere etwas!

Genauso ist es bei bestimmtem Verlangen nach etwas. Viele Menschen sehen sie als Schwächen, aber oft sind sie wichtige Nachrichten deines Körpers, die dich dazu bringen sollen, ihn in Balance zu halten. Wenn du also ein Verlangen verspürst, geh ihm auf den Grund und frage dich: „Was will mein Körper mir sagen? Fehlt mir vielleicht etwas?“ Das beste und einfachste Beispiel: Wir sind müde. Was tun wir dann oft? Wir trinken Kaffee. Doch Kaffee führt nicht dazu, dass unser Körper wacher wird. Er überdeckt nur diesen Zustand durch Koffein. Die Müdigkeit bleibt bestehen. Wie wäre es also einfach mit mehr Schlaf?

Gesundes Essen spielt in der Kommunikation mit unserem Körper eine Hauptrolle. Allerdings wird Essen heutzutage oft instrumentalisiert, um das zu bekommen, was man will. Um den Körper zu bekommen, den man will. Um dann dadurch wiederum etwas anderes zu bekommen: Mehr Aufmerksamkeit, mehr Wertschätzung, mehr Liebe. Und manchmal artet diese Selbstoptimierung derartig aus, dass es am Ende ins Gegenteil umschlägt. Wir fühlen uns schwächer und unser Körper zeigt vielleicht sogar Mangelerscheinungen wie fahle Haut, trockenes Haar oder brüchige Nägel.

Unser Körper sagt uns stets genau, worauf wir besonders achten sollen. Wir müssen seine Signale nur wahrnehmen. Und dankbar dafür sein, dass er so klar mit uns spricht.

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3. Dein Körper ist dein Freund. Er will, dass es dir gut geht. 

Was uns hierbei oft fehlt ist Verständnis und Mitgefühl. Und ich spreche nicht unbedingt von Verständnis und Mitgefühl untereinander. Ich spreche von Mitgefühl und Verständnis gegenüber uns selbst.

Unser Körper wird oft zum Leidtragenden, weil wir unsere Gefühle und Schmerzen unterdrücken. Immer schneller und weiter und extremer soll es sein. 

Doch unser Körper ist unser Freund, nicht ein Diener und erst recht keine Maschine. 

Warum behandeln wir ihn also oft wie einen ungeliebten Anhang? Wie die nervige Tante, die einfach nicht das Reden aufhört. Warum hören wir nicht auf ihn, wenn er uns etwas sagen möchte?

Einem Freund, der uns seine Sorgen anvertrauen und erzählen möchte, dass es ihm nicht gut geht, dem sagen wir doch auch nicht: “Komm, nimm diese blaue Pille hier und laber mich nicht voll!”

Mit unserem Körper tun wir dies schon. Sobald etwas weh tut, nehmen wir etwas gegen den Schmerz. Damit er möglichst schnell verschwindet. Und ich möchte mich davon gar nicht ausnehmen.

Vor einigen Wochen fühlte ich mich fiebrig, schwach und ausgelaugt. Und war deswegen wirklich sauer auf meinen Körper. Ich dachte mir: Du undankbarer Körper! Ich bin so gut zu dir! Esse gesundes Essen, bin viel im Freien, mache Sport, rauche nicht und trinke nicht, bekomme halbwegs ausreichend Schlaf und es gibt eigentlich keinen Grund, mich jetzt so zu enttäuschen. Mir war den ganzen Tag kalt. Meine Füße fühlten sich an wie Eisklötze. Folgender Gedanke ging mir ständig durch den Kopf: „Mein Körper darf nicht krank sein!“ Allein die Formulierung spricht schon Bände. Ich sprach und dachte über meinen Körper in der dritten Person. Als würde er gar nicht richtig zu mir gehören. Wie ein „Fremd-Körper“. 

4. Dein Körper vergibt dir vieles. Eigentlich fast alles.

Am Abend telefonierte ich dann mit einem Freund, mit dem ich zusammen die Ausbildung zum Coach gemacht hatte. Er begleitete mich durch eine Runde „The Work“. Und wie immer war es wie ein kleines Erleuchtungserlebnis für mich. Ich bemerkte, dass ich mich und meinen Körper nicht als Einheit wahrnahm, sondern als etwas, das mir gefälligst zu dienen und gehorchen habe. Plötzlich überkam mich eine Welle des Mitgefühls für meinen Körper. Dass er ständig versuchte, mir etwas zu sagen. Und ich – anstatt ihm zuzuhören – ihm ständig ins Wort fiel und ihn als undankbar bezeichnete. Es tat mir wirklich im Herzen weh, dass ich mich selbst so behandelt hatte. Ich empfand meinen Körper endlich zusammen mit Herz, Kopf und Seele als eine Einheit. Und da passierte etwas ganz wundersames: Innerhalb von Sekunden (!) wurden meine Füße ganz warm. Und am nächsten Tag wachte ich völlig gesund auf. 

(Wenn du mehr über das Prinzip „The Work of Byron Katie“ erfahren möchtest, so habe ich hier ein wunderbares Interview mit Ralf Heske für Dich.

5. Dein Körper gehört mit Grund zu Dir. 

Ich persönlich denke, dass das Universum jedem von uns den richtigen und für uns passenden Körper gibt. Den Körper, den wir brauchen, um die Entwicklung durchzumachen, die wir in diesem Leben durchmachen sollen. 

Mit einem kranken Körper geboren zu werden oder im Laufe des Lebens krank zu werden, ist sicherlich nicht leicht. Wenn man an einen eher spirituellen Ansatz glaubt, wie ich das tue, so braucht unsere Seele genau diese Inkarnation in genau diesen Körper. Um etwas zu erfahren oder zu überwinden und letztendlich weiterentwickelter aus diesem Leben zu gehen. Ich kenne sogar viele Menschen, die über sich und ihre (überwundene) Krankheit sagen: Die Krankheit ist das Beste, das mir je passiert ist. Durch sie lebe ich viel bewusster und habe mein Leben komplett zum Besseren umgekrempelt. 

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Also: Sei gut zu deinem Körper.

Das beginnt bei den Dingen, die du deinem Körper gibst. Und hier sind wir wieder bei Ernährung. In Zeiten, in denen beispielsweise Bayer-Monsanto von unzähligen Klagen krebskranker Menschen konfrontiert wird, findet allmählich ein Umdenken statt. Allerdings ist es auch nur ein langsames Umdenken. 

Die Zahl der Ökolandbaubetriebe und ihre bewirtschaftete Fläche haben seit Mitte der 1990er Jahre langsam und stetig zugenommen. 2017 betrug der Anteil der ökologisch bewirtschafteten Fläche an der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche 8,2 %.

Zwar sind imposante Zuwachsraten zu verzeichnen (2018 betrug die öko-landwirtschaftlich bewirtschaftete Agrarfläche bereits 8,9% und auch fast elf Milliarden Euro wurden wir Bio Lebensmittel und Bio Getränke ausgegeben), doch beträgt der Anteil von Bio am deutschen Lebensmittelmarkt gerade einmal zehn Prozent. 

Warum ist das so? Liegt es am Preis? Ein Bio-Apfel kostet um die 75 Cent (warum man Äpfel und elf weitere Obst- und Gemüsesorten unbedingt nur in Bioqualität kaufen sollte, kann man hier nachlesen. Schon ein bisschen teuer, oder? Aber cool, da gibts eine reduzierte Handtasche für 299 Euro. Das ist eine Invesition, die trage ich schließlich mein Leben lang.

Den Körper aber nicht?

Deshalb: Sei gut zu deinem Körper und liebe ihn für das, was er dir tagtäglich gibt. Er wird es dir danken. Länger als jede noch so robuste Handtasche. 

Sag mir dein Dosha und ich sag Dir, wer du bist!

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🍉 Mein aktueller Selbsttest nach Rawfood und sugarfree ist Ayurveda. Doch was ist das eigentlich? 🥕

Ayurveda ist Sanskrit und bedeutet „Wissen vom Leben“.
Die Lehre ist 5000 Jahre alt und stammt aus Indien. Es ist keine reine Ernährungslehre, sondern eine ganzheitliche „Lebenslehre“.

🍀 Ihr Ziel ist es, ein Gleichgewicht innerhalb des Geistes und Körpers herzustellen, indem man sich selbst mit seiner eigenen Natur in Einklang bringt.

🌀 Ayurveda teilt uns dabei in drei geistig-körperliche Konstitutionen (Doshas) ein: Vata, Pitta und Kapha. Sie sind die jeweilige Qualität deiner Energie, wobei Qualität nichts mit gut oder schlecht zu tun hat, sondern eher mit dem Verhältnis deiner Energie. Es gibt fünf Energieformen: Feuer, Wasser, Luft, Erde und Äther (der „obere Himmel“).

⚡️ Laut Ayurveda rührt jegliche Krankheit von einer Disbalance in unseren jeweiligen Doshas her.

💻 Den Test, welches Dosha du bist, kannst du hier machen:
https://www.rosenberg-ayurveda.de/…/ayurveda-konstitution-…/

👆🏻 Hinweis: Die meisten Menschen sind Mischtypen. Ich bin zum Beispiel ein Pitta-Kapha Typ. Auch wird unterschieden zwischen dem Dosha bei deiner Geburt und deiner jetzigen Konstitution. Denn durch z.B. ungesunde Ernährung oder Stress kann unser momentanes Dosha anders bestimmt sein, als wir eigentlich veranlagt sind.

☀️ Ernährung ist ein wesentlicher Teil dieser Lehre, allerdings machen zum Beispiel Morgenroutinen auch einen großen Teil aus. Meine eigene Morgenroutine ist sehr an Ayurveda angelehnt (siehe Post zu meiner Morgenroutine) und ich liebe sie! Laut der Lehre bestimmt die Art, wie wir unseren Tag starten, wie wir uns den restlichen Tag fühlen. Das kann ich nur unterschreiben!

📜 Aus dem Ayurveda stammend sind dabei das Zungenschaben, Ölziehen, Trockenbürsten (mache ich seit dieser Woche und ich bin ein großer Fan davon) und die Selbstmassage mit warmem Öl.

👅 Zungenschaben: Morgens gleich nach dem Aufstehen entfernt man den toxischen Zungenbelag („ama“) mit einem Schaber. Aus Edelstahl ist er für alle Doshas geeignet.

🥥 Ölziehen: Warmes Öl wird ähnlich eines Mundwassers einige Minuten im Mund hin- und hergezogen. Anfangs etwas komisch, aber man gewöhnt sich daran und kann es gut beim Duschen oder beim Trockenbürsten machen.

🧽 Trockenbürsten: Ich habe mir bei Manufactum eine feine Kupferdrahtbürste gekauft, die extra dafür gemacht ist. Das Bürsten entfernt trockene Hautschüppchen und stimuliert die Durchblutung.

🧴 Selbstmassage: Sie regt dein Lymphsystem an und ist ein wunderschönes Selbstliebe-Ritual.

Je nach Dosha gibt es auch hier unterschiedliche Empfehlungen:

💨☁️Vata: Vergoldeter Zungenschaber (würde einen aus Edelstahl empfehlen), Ölziehen und Massage mit Sesamöl.
🔥💧Pitta: Versilberter Zungenschaber, Ölziehen und Massage mit Kokosöl.
🌱💧Kapha: Kupferner Zungenschaber, Ölziehen mit Sesamöl, Massage mit Sesam- oder Mandelöl.

💖 Details zu meiner Morgenroutine findest du in meinen Instagramstories unter www.instagram.com/antoniedemmel.

 

Meine Morgenroutine

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“You’ll never change your life until you change something you do daily. The secret of your success is found in your daily routine.” – John C. Maxwell

Der Beginn des Tages legt den Grundstein für den restlichen Tag.
Nach diesem Prinzip pflege ich seit etwa zwei Jahren eine gewisse Morgenroutine, die ich immer weiter ausbaue (manchmal verfluche ich mich am Morgen im Bett dafür 😅) Derzeit beschäftige ich mich sehr mit Ayurveda und dabei ist mir aufgefallen, dass ich ohnehin schon sehr “indisch” unterwegs bin, was meinen Morgen angeht.

🙏 Dankbarkeit
Noch bevor ich die Augen öffne, praktiziere ich eine Dankbarkeitsübung. Und zwar für drei konkrete Dinge. Meistens ist mein warmes und weiches Bett mit dabei… 😇

👅 Zungenschaben
Nachdem ich mich ausgiebig gestreckt habe, gehe ich ins Bad, um meine Zunge abzuschaben. Ayurveda nennt den Belag auf der Zunge ‘Ama’ und ihr zufolge beginnen alle Gifte im Mund. Vor allem hält der Belag unsere Geschmacksknospen ab, das Essen richtig zu erschmecken, was wiederum dazu führt, dass unser Speichel quasi ratlos ist, welches Essen er nun aufspalten soll. Neben vielen anderen unguten Dingen kann ein nicht richtig aufgespaltenes Essen beispielsweise dazu führen, dass wir unnötig zunehmen.
Je nach ‘Dosha’, also der individuellen Konstitution (dazu mehr in einem der nächsten Posts), gibt es bestimmte Zungenschaber. Ich bin ‘Pitta’, meiner ist daher aus Silber.
Die Zahnbürste sollte man dafür übrigens nicht benützen, da sich auf ihr die Zungenbakterien ruckizucki vermehren.

🥥 Ölziehen
Ayurveda schwört ja auf das sogenannte “Ölziehen”. Also 2-20 minütiges Ziehen von lauwarmem Öl durch den Mund. Auch hier gibt es je nach Dosha ein empfohlenes Öl. Sobald ich wieder zuhause bin, will ich mit Kokosöl anfangen. Auch “dry-brushing” und “Abhyanga” (Selbst-Massage mit warmem Öl) stehen auf meiner Liste. Ich werde dann berichten!

💧Wasser trinken! Wasser trinken! Wasser trinken!
Und zwar lauwarm, mindestens einen halben Liter und so bald nach dem Aufstehen wie möglich. Nach dem Schlafen ist unser gesamter Körper dehydriert. Vor allem unser Gehirn. Lauwarm sollte es sein, da sich sonst unsere Organe zusammenziehen und verkrampfen. Und so auch keine geregelte Verdauung und Fettverbrennung stattfinden können.

Meditation
Ich könnte jetzt tagelang von den positiven Effekten der Meditation schwärmen (Ruhe, Ausgeglichenheit, Resilienz…), aber am besten ist, man probiert es selbst aus. Natürlich regelmäßig, nach nur einem
Mal ist noch niemand erleuchtet 🙂 Viele denken, dass es bei Meditation darum ginge, seine Gedanken abzustellen. Vielmehr geht es aber um unsere innere Haltung zu den Gedanken, die auftauchen. Steigen wir gedanklich in diese ein oder lassen wir sie vorbeiziehen wie Wolken? Es gibt viele tolle Apps wie zum Beispiel Headspace, 7 Minds oder Calm. Oder aber man schaut auf Youtube nach geführten Meditation von Deepak Chopra, Osho und vielen mehr. Wichtig: Man muss zum Meditieren nicht immer still sitzen. Man kann auch eine Gehmeditation machen oder auch achtsam essen, Gemüse schnippeln, Rasen mähen und vieles mehr…

☀️ Yoga
Wenn ich morgens nicht im Olympiapark laufen gehe, dann mache ich ein paar Sonnengrüße, Hüftöffner und Umkehrhaltungen. Danach fühle ich mich jedes Mal super entspannt und erfrischt zugleich 😎

🍵 Journalling
Bei einem Tee und einem leichten Frühstück setze ich mich noch ein paar Minuten und schreibe zu einem bestimmten Thema. Meistens mache ich in Schriftform “The Work of Byron Katie”, manchmal mache ich mir tiefere Gedanken zu meiner Intention des Tages. Je nachdem, wonach mir gerade der Sinn steht 🥳

Namasté ❤️

 

Die Sonntagsbäuerin – Zwischen Laptop und Schafstall

Disclaimer: Diese Geschichte spielte sich genau so am Sonntag den 13. Januar 2019 ab. Mir war es ein Bedürfnis, sie sofort danach niederzuschreiben. Nichts ist dazu erfunden.

Es ist Sonntagmorgen. Wir betreten den Schafstall. Auf den ersten Blick wirkt alles ganz ruhig. Für mich zumindest. Er hat mit seinem Scannerblick nach 3 Sekunden schon 90% des Stalls kontrolliert.

Zwar war ich schon einige Male beim Füttern dabei, trotzdem stehe ich wie jedes Mal etwas hilflos neben ihm und schaue ihn an. Warte auf seine Anweisungen, die er so schnell runter rattert, dass ich vor Aufregung immer gleich wieder die Hälfte vergesse. Er macht das seit Jahren und jeder Handgriff, jede Bewegung sitzt. Die Lage des Wassereimers, die Position des Besens, die Ausrichtung der Futtertröge. Alles hat seinen Sinn. Wirklich alles. Wenn ich manchmal vergesse, was er jetzt gerade gesagt hat, dann fange ich an selbst nachzudenken und mir zu überlegen, wie es wohl am ehesten Sinn macht. Die Chance ist 40:60, dass ich richtig liege. Mit nur 40% für mich. 

Ich weiß gar nicht mehr, was es zuerst war. Sein Schreien oder dass ich das kleine Lamm dort im Stroh liegen sah. Mit merkwürdig verdrehtem Kopf. Ich gehe näher und blicke hinunter. Ist es tot, frage ich mich. Dann sehe ich aber, wie sich der kleine weiße Brustkorb leicht hebt und senkt. Kurz bin ich erleichtert. Als ich den Kopf berühre, wird der verdrehte Kopf noch sichtbarer. Er ist stark nach rechts gedreht, das kleine Lämmchen kann ihn nicht richtig heben. Ich rufe zu ihm hinüber „Ich glaube es hat sich das Genick gebrochen!“. „Nein, dann wäre es ja tot!“ Zum gefühlt vierzigsten Mal an dem Tag denke ich mir „Denk doch mal bisschen besser nach, Antonie!“. Dabei blökt das Lämmchen am Boden die ganze Zeit herzzerreissend. Vermutlich bzw. ziemlich sicher hat es seit seiner Geburt in der Nacht noch nichts getrunken. Die erste Milch nennt man Biestmilch. Sie ist aus zwei Gründen wichtig für das Neugeborene. Zum einen enthält sie jede Menge Fett und damit Energie, die dem Lamm ermöglicht, in seiner neuen Umgebung zu überleben. Zum anderen enthält Biestmilch Antikörper, die das Lamm schützen, bis es selbst genügend Antikörper produzieren kann. Er kommt näher und nimmt das Lamm in seine Hände. Begutachtet es, dreht es in seinen großen Händen, legt es wieder ins Stroh und sagt dass wir uns später darum kümmern. 

Als Leser denkt man jetzt sicher das sei grausam. Um ehrlich zu sein war ich auch hin und her gerissen. Wir können doch das Lamm jetzt nicht einfach hier liegen lassen? Ich blicke hektisch hin und her. Frage mich, wie ich mich entscheiden würde. Was hat jetzt Priorität? Hunger und Durst haben alle Schafe hier im Stall. Inklusive der Lämmer sind es über 100 an der Zahl. Bei mir in der Arbeit geht es oft ums richtige Priorisieren. Und wie viele meiner Kollegen sage auch ich oft: „Ich habe so viel zu tun, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll!“ Hier im Schafstall komme ich mir ziemlich dumm vor bei der Erinnerung an solche Situationen. Wer lernen will, was richtig priorisieren heisst, dem würde ich ein Praktikum auf dem Bauernhof ans Herz legen. 

Überhaupt hinterfrage ich den Sinn meiner Arbeit seit ich meinen Freund kenne sehr kritisch. Und damit bin ich nicht alleine. Aus Gesprächen mit Freunden erfahre ich, dass es vielen so geht. Jeder ist auf der Suche nach dem tieferen Sinn seiner Tätigkeit. Zwar hat jeder viel Arbeit, ist den ganzen Tag beschäftigt. Aber was bekommt man an Output? Und hat dieser Output eine positive Wirkung auf diese Welt? Um ehrlich zu sein will ich gar nicht so viel darüber nachdenken. Was klar ist: Die Arbeit meines Freundes hat durchaus eine positive Auswirkung auf die Welt. Denn als Bauer ernährt er uns. Ohne Leute wie ihn wäre es wohl noch schlechter um unsere Erde bestellt. Als ich diesem Gedanken nachgehe, höre ich seinen Schrei. Am Klang seiner Stimme höre ich, dass etwas nicht stimmt.

Ich drehe mich um und sehe wie er mir entgegenkommt, mit einem schwarz-gefleckten Lamm in den Armen. Es sind schon knapp 30 Lämmer in den letzten beiden Monaten zur Welt gekommen, alle gesund, und bisher waren auch alle weiß. Das ist das erste gefleckte Lamm, wie eine Kreuzung aus Dalmatiner und Kuh sieht es aus. Doch es bewegt sich nicht. Ist nass, Wasser tropft herunter. Es war in den Wassertrog gefallen und dort scheinbar ertrunken. Er legt es auf den Boden und versucht es wiederzubeleben. Komischerweise kommen mir Baywatch Assoziationen in den Kopf. Gott sei Dank kann keiner deine gestörten Gedanken lesen denke ich mir. Und denke mir dann: Wären wir doch etwas früher aufgestanden. Für Bauernhofverhältnisse haben wir heute nämlich ausgeschlafen. Mein Schlaf ist mir heilig. Jetzt verachte ich mich selbst dafür. Wie ignorant ich doch manchmal bin. Vielleicht wären wir dann nicht zu spät gekommen und ein Dalmatiner-Lamm würde jetzt putzmunter über das Stroh springen. Doch wir sind zu spät.

Er hat erst noch ein anderes kleine Lamm zu füttern. Die Milch, die er zuvor im Haus aufgewärmt und in eine Babyflasche gefüllt hatte, wird sonst kalt. Und das andere Lamm hat auch Durst. Es ist ein besonders winziges Lamm. Es kam wenige Tage zuvor zur Welt und hat leicht verkrüppelte Vorderbeinchen. In freier Natur würde so ein Lamm wohl keinen Tag überleben. Auch in Massentierhaltung würde man es wohl sofort erschlagen. Wer jetzt denkt: Was, erschlagen? Das ist doch viel zu grausam, dem kann ich nur empfehlen, ab und an Videos von solchen Betrieben anzusehen (Warnung: Der Inhalt des Videos ist nichts für schwache Nerven. Trotzdem zeigt er die Realität in vielen Großbetrieben. Großbetriebe, die den Verkauf von billigem Fleisch möglich machen). Vielleicht überdenkt man dann sein eigenes Konsumverhalten, wenn man im Supermarkt zum Billigfleisch greift. Aber das ist nochmal ein anderes Kapitel. Zurück zum kleinen Lamm Hinkebein. Es kann nämlich nicht laufen. Zumindest nicht ohne Hilfe. Deshalb holt er es mehrmals pro Tag aus dem Stall und massiert die dünnen spargelähnlichen Beinchen. So dick wie seine Daumen sind sie. Dann legt er zwei schmale Holzschienen an, links und rechts von jedem Bein, und bandagiert sie dick. Das Verbandsmaterial ist grün und Elche sind darauf gedruckt. So sind die Beine stabilisiert und es kann losgehen. Alle paar Schritte fällt es um, er richtet es wieder auf und ermutigt es noch weiter zu gehen. Es läuft ihm hinterher, als wäre er die Mama. Ein wirklich rührender Anblick. Während ich noch gedankenversunken dastehe, hat er schon die nächsten drei Sachen erledigt. Hinkebein bekommt jetzt also die Flasche, da der Winzling ja trotz seiner Stelzen nicht so gut stehen kann und daher nur schwer an Milch kommt. 

Dann gehen wir zurück zu dem Lamm mit dem verdrehten Hals. Es liegt im Stroh und zappelt, als würde es gleich loslaufen wollen. Er legt das Mutterschaf „aufs Kreuz“ und beginnt, die erste Milch abzumelken. Diese füllt er in Kanülen, um sie dem Lamm dann mit der Hand zu verabreichen. Die Milch spritzt mir ins Gesicht. Er zeigt mir, wie man es mit der Milch füttert. Der Zeigefinger der linken Hand kommt in den kleinen Mund, damit es anfängt zu saugen. Mit der anderen Hand setzt man die Kanüle seitlich an und drückt mit dem Daumen eine Winzige Menge der Milch in den Mund. Das kleine Lämmchen saugt und schluckt ganz eifrig. Man hört es ganz leise schmatzen. Hoffentlich passiert ein Wunder und es wird wieder gesund, denke ich mir.

Die Stimmung ist jetzt ziemlich angespannt. Seine Stimme wird lauter und einen Tick strenger. Für Diskussionen ist jetzt nicht viel Zeit. Für Fehler gar keine. Der Wassereimer in einem der Schafställe ist von einer der Mutterschafe umgeworfen worden. Weil ich ihn auf die falsche Seite gestellt hatte. Und zwar dorthin, wo normalerweise das Futter ist. Klar sucht sie unter dem Wassereimer nach Futter. Blödes Schaf denke ich mir. Aber eigentlich denke ich das gerade über mich selbst. 

Werde ich das jemals lernen, frage ich mich. Dauernd vergesse oder übersehe ich etwas. Wie soll ich ihm denn jemals eine richtige Hilfe sein? Sein ungeduldiger und subtil genervter Tonfall macht das alles nicht gerade leichter. Wäre ich mit mir selbst nicht ziemlich im Reinen, so hätte ich nach dem Tag heute wohl ziemliche Komplexe und würde im Stall in Tränen ausbrechen. Würde mich von ihm ungeliebt und nicht mit genügend Aufmerksamkeit bedacht fühlen. Aber solche Dinge haben in solchen Situationen eher nur wenig Priorität. Das Zusammensein mit meinem Freund in solchen Situationen ist wie drei Intensivkurse in Selbstliebe, nur eben auf die harte Tour. Entweder man kommt damit zurecht oder man ist hier falsch. 

Dann gehen wir zu seinen 440 Hühnern, die in zwei mobilen Hühnerställen froh und munter umherflattern und im Boden scharren. Als wir die Luke zu den Hühnernestern öffnen, wo die Eier hineingelegt werden, sitzen einige Hühner darin. Das ist an sich nichts unnormales. Man gibt ihnen dann einfach einen Schubs und darunter sind die Eier, die noch warm sind. Mit seinem superschnellen Kontrollblick sieht er aber sofort die Henne mit dem blutigen Kopf. Hennen sind untereinander richtige Fieslinge. Sie mobben sich, indem sie anderen Hennen auf den Kamm oder den gesamten Kopf picken. Diese hier hat gar keine Federn mehr, an der Seite des Halses klafft eine blutige Wunde. Ich zucke zusammen und drehe mich kurz weg. Auch hier würde vermutlich jeder (konventionelle) Großbetrieb sofort kurzen Prozess machen. Kopf ab. Nicht so bei meinem Freund. Er trägt mir auf, sie zum Schafstall zu bringen. Dort ist schon eine „Krankenstation für gemobbte Hühner“ installiert, in der sie wieder zu Kräften kommen können. Ich sprühe das Desinfektionsmittel auf ihren Hals. Schön findet sie das nicht, es ist ihr nicht zu verdenken. Dann setze ich sie neben die Futterschale, wo sie emsig zu Picken beginnt. 

Auf dem Weg hinaus gehe ich wieder an dem schwarzen Lamm vorbei, das auf dem kalten Boden liegt. Diesmal bücke ich mich hinunter und schließe ihm die Augen. 

Als wir von den Hühnern zurückkommen, kommt auch die Tierärztin in den Hof gefahren. Sie schaut sich das Lämmchen mit dem verdrehten Hals an. Ich möchte am liebsten jedes Mal hingehen und es einfach halten und streicheln. Sei nicht dumm denke ich mir dann. Was soll das denn bringen? Ja, wahrscheinlich nur ein besseres Gefühl für mich selbst. Die Tierärztin untersucht es und schüttelt den Kopf. Im Grunde ist es mir die ganze Zeit schon klar gewesen. Es so am Leben zu halten wäre Tierquälerei. Es kann nicht selbst laufen, nicht trinken, es kann eigentlich gar nichts alleine. Dabei hat es so stark gesaugt, als wolle es sagen: Aber ich will doch hier bleiben! Sie zieht eine Spritze auf. Darin eine Flüssigkeit, die es erst einschlafen lässt. Als mein Freund es auf den Arm nimmt und die Tierärztin die für so ein kleines Lamm mir sehr groß aussehende Kanüle in die Haut schiebt, macht es keinen Mucks. Was für ein tapferes kleines Geschöpf denke ich mir. Und wir jammern bei jeder kleinen Spritze beim Arzt. Mir fällt mein Meerschweinchen Rocky ein. Als ich 17 war, wurde er auch eingeschläfert und bekam zuvor diese Schlaf-Injektion. Ich spüre wie meine Augen feucht werden. Verdammt nochmal, jetzt reiss dich zusammen, denke ich mir. Das kann doch nicht wahr sein. Als die Tierärztin dann die zweite Spritze gibt, in dem das Mittel zum Einschläfern enthalten ist, will ich eigentlich hingehen und das Lamm zumindest ein wenig streicheln. Vielleicht ist dann seine Reise in den Schafhimmel ein klein wenig leichter. Aber jetzt spüre ich, wie mir die Tränen in die Augen steigen. Du Lusche, denke ich über mich selbst. So etwas wirst du wohl noch einige Male zu sehen bekommen. Du gewöhnst dich besser daran. Aber scheinbar scheine ich durch das kurze Füttern schon eine Verbindung zum Lamm aufgebaut zu haben. Vielleicht ist es auch PMS. Oder beides. Scheiß Zucker denke ich bei mir. Als ich 80 Tage auf Zucker verzichtet habe, hatte ich null PMS. Gott sei Dank steht der Hund neben mir und ich konzentriere mich mit Versessenheit aufs Streicheln, in der Hoffnung dass niemand bemerkt, wie ein paar Tränen runterkullern. Gott sei Dank regnet es auch gerade, so dass das auf meinem Gesicht auch Regentropfen sein könnten. 

Vielleicht denkt sich jetzt mancher Leser: Aber es passieren doch überall auf der Welt viel schlimmere Dinge! Menschen werden ermordet, Kinder verhungern, Mütter werden hingerichtet. Mir ist bewusst, dass es Leid überall auf der Welt gibt. Trotzdem befinde ich mich gerade hier auf diesem Hof und auch die Situation ist sehr real für mich. Und ich leide in diesem Moment mit. 

Wir stapfen durch den nassen und schweren Schnee zurück ins Haus. Nachdem ich meine Gummistiefel ausgezogen habe, gehe ich ins Bad und schaue mich im Spiegel an. Wie scheisse du aussiehst, denke ich mir. Ich habe zweierlei Sprenkel im Gesicht. Einmal die Muttermilch, einmal das Desinfektionsspray. Hält er mich so eigentlich für attraktiv, frage ich mich. Dann wasche ich mir Gesicht und Hände und gehe in die Küche. 

Als wir dann um 13 Uhr die erste Mahlzeit des Tages zu uns nehmen, schaue ich meinen Freund an. Müde sieht er aus und ziemlich abgekämpft. Tiefe Schatten liegen unter seinen Augen. Trotzdem blitzen seine braunen Augen. In dieses Blitzen in den Augen habe ich mich verliebt. Neben tausend anderen Dingen natürlich. Und denke mir, dass ich eigentlich gar nie richtig auf ihn böse sein könnte. Ich bewundere zutiefst, was er jeden Tag tut. Während ich ächze, wenn ich zehn Stunden in der Arbeit sitze, ist für ihn ein 12-14 Stunden Tag die Regel. Im Sommer werden daraus täglich 14-16 Stunden. Damit wir alle ausreichend zu Essen haben. 

Das neue Jahr ist jetzt schon zwei Wochen alt. Trotzdem ist es noch nicht zu spät für gute Vorsätze. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann vermutlich, dass man als Leser zweierlei Dinge mitnimmt. 

Erstens: 

Schätzen Sie Ihre Gesundheit. Ständig. Die eigene, die der Familie, der Haustiere, auch der Kollegen, der Nachbarn. Einfach aller. Denn sie ist nicht selbstverständlich. Leider fällt uns das erst auf, wenn wir selbst krank sind. Oder eben beim Anblick eines kleines Lämmchens mit verdrehtem Hals.

Zweitens:

Essen Sie verantwortungsvoll. Denken Sie nach, was Sie wann und wo kaufen. Und wie viel davon. Vor allem bei Fleisch und allen tierischen Produkten. Dass Billigeier nicht von glücklichen Hühnern und Billigfleisch nicht von fröhlichen Schweinen kommt, sollte jedem hinreichend bekannt sein. 

Somit bleibt mir nur, jedem noch ein wunderbares Jahr 2019 zu wünschen. Bleiben Sie gesund und munter.

Anmerkung: 

Mein Freund betreibt einen wunderbaren Bio-Bauernhof auf über 70 Hektar. Primär werden dort von ihm unzählige Gemüsesorten und Getreide angepflanzt, gehegt, gepflegt und geerntet. Er hat 440 Zweinutzungshühner, die jeden Tag brav ihre Eier legen. Eines der Hühner heißt sogar Antonie. Dass es das schönste Huhn ist, muss nicht extra erwähnt werden. Außerdem hat er über 100 Schafe, die vor allem zur Landschaftspflege eingesetzt werden. Die vier Ziegen dürfen an Altersschwäche sterben. Auf dem Hof leben noch zwei Katzen und der Hofhund. Sowie in der Küche ein paar Mäuse. Ich kenne niemanden, der mit so viel Liebe und Leidenschaft seinem Beruf nachgeht. Beim Lesen des Texts mag man den Eindruck bekommen, dass es nicht so viel zu Lachen mit ihm gibt. Aber wenn gerade nicht der Notstand herrscht, dann ist er der liebevollste Mensch der Welt. Einen genaueren Eindruck vermittelt dieses wirklich zauberhafte Video.

Der Hof liegt in Moosinning, Ismaninger Straße 22. Fast rund um die Uhr kann man dort Eier und Gemüse am Selbstbedienungsstand kaufen. Der Hofladen ist immer am Samstagvormittag geöffnet. Mit etwas Glück sieht man ihn dann auch. Vielleicht sieht man mich sogar ab und an. Sonntags ist die Chance am größten, deshalb nennt er mich auch seine Sonntagsbäuerin. Hauptsächlich in meinem schicken Bauernhofdress, das man auf dem Foto bestaunen kann (Endlich hat auch mein Papa Geschenkideen für mich. Zu Weihnachten bekam ich eine Engelbert Strauss Arbeitshose und gefütterte Gummistiefel von der BayWa). Das andere Outfit ist mein Büro Outfit. Offensichtlich. In den letzten Tagen kamen noch weitere gefleckte Lämmer zur Welt. Alle sind putzmunter. Eines davon seht ihr oben auf dem Foto zusammen mit seiner Mama. Und ganz oben im Artikel als auch auf meinen Armen ist Hinkebeinchen zu sehen. Mittlerweile läuft er schon ohne Stelzen, auch wenn ihm die grünen Socken mit den Elchen drauf ganz wunderbar standen. 

50 Shades of Green oder „Das Märchen von der Avocado“ – Eine Liebeserklärung an Regionalität, Fairness und bewussten Verzicht.

Disclaimer: Dieser Artikel ist nicht die Fortsetzung der Romanserie von E.L. James. Dennoch wird der aufmerksame Leser auch etwas Zuckerbrot und vor allem Peitsche darin finden 🙂

Besonderer Dank gebührt im Übrigen Matthias Middendorf für seine Inspiration zu Erbsenmus…

Jeder kennt die Gebrüder Grimm und ihre Märchen. Darunter sicherlich Schneewittchen. Die, ehe sie mit dem Prinzen ihrer Träume dem Sonnenuntergang entgegen ritt, von einer bösen Zauberin (a.k.a. Stiefmutter) eine Frucht überreicht bekam, in die sie hineinbiss und die sie in einen tiefen todesgleichen Schlaf fallen ließ.Würde dieses Märchen heute spielen, so würde unser Schneewittchen wohl in eine thailändische Flugmango beissen (zuvor postet sie aber noch ein Mango-Selfie auf Instagram). Klingt komisch, oder? Ja, finde ich auch. Bleiben wir lieber beim rotbackigen Apfel. Bei einem weiteren Märchen von Hans Christian Andersen schlief eine Prinzessin auf einem grünen und harten Etwas, das sie kaum zur Ruhe kommen ließ, wodurch aber (diesmal veranlasst durch die Schwiegermutter in spe) ihre Feinfühligkeit und Prinzessinnen-Echtheit getestet werden sollte. Wie hieß dieses Märchen gleich nochmal? Die Prinzessin auf der Avocado! Nein, wieder falsch. Es war die Erbse.

Warum sind wir aber alle so wild auf Obst und Gemüse jenseits der sieben Berge? Warum kommt uns das Regionale langweilig vor? Warum meinen wir, ohne exotische „Superfoods“ niemals gesund und schön sein zu können? Denn sie sind doch so gesund, oder etwa nicht? 

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Vote with your fork!

„The Stone Age didn’t stop because there were no stones anymore. It stopped because there were better ideas.“ – Dr. Winfried Bommert, Institute of World Nutrition.

Well, this was my first weekend at the Slow Food Youth Academy of Slow Food Germany. I am once again shocked by all the facts and the truth behind what some want to make us believe. And on the other hand I am more motivated than ever to drive a good, clean and fair food system together with the 25 change makers from the Slow Food Youth Academy in Germany.

But what is Slow Food?

It was born in the 1980ies during a protest in Rome against a McDonald’s branch. It’s not just an anti-reaction against fast food. It’s an anti-reaction against fast life. It’s about maintaining diversity. And it’s about a good, clean and fair food system, driven by over 100.000 members globally.

Some shocking facts around our daily food:

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