Antonie Demmel | Ganzheitlicher Gesundheitscoach

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Ich liege auf meiner Couch und denke nach. Am anderen Ende der Leitung ist Udo, mein Kollege aus der Coachingausbildung. 

Dass ich mich in letzter Zeit irgendwie unwohl fühle, ist mir klar.

Körperlich muss ich mich schonen, das sagt zumindest mein Arzt. Sobald man den Begriff „Frühgeburtsrisiko“ hört, hält man die Füße still. Die Gedanken tun das nicht. Ganz im Gegenteil.

Also erzähle ich ihm, was momentan so los ist. Dass vieles herausfordernd ist, das meiste aber auch wunderschön. Aber ich mich trotzdem innerlich so unruhig fühle. 

Ich denke das kennen viele. Man hat das Gefühl, dass etwas nicht passt. Kann aber nicht richtig lokalisieren, was es nun ist. Arbeit, Partner, Gesundheit, Eltern, Finanzen oder doch etwas anderes?

Irgendwie ist man unzufrieden, unruhig, genervt, sensibel und forscht unaufhörlich nach, was einem denn jetzt nicht passt. 

Nach gewisser Zeit kommt der Satz „Ich muss mehr für mich tun!“ über meine Lippen. Ich halte kurz inne. Eigentlich ist Selbstliebe und Selbstfürsorge doch etwas Gutes. „Mehr für sich selbst tun“ klingt wichtig und richtig. Selbstliebe ist das A und O für ein glückliches Leben. Dabei ist z.B. die persönliche Morgenroutine ein großer Trend und auch ich bin ein großer Anhänger. Doch trotzdem löst dieser Satz in mir Schuldgefühle und eine gewisse Beklemmung sowie innerliche Anspannung aus. Das zeigt mir, dass ich meinen aktuellen Glaubenssatz gefunden habe. 

Was ist eigentlich ein Glaubenssatz? Im Grund kann jeder einzelne Gedanke ein Glaubenssatz sein. Dass es einer ist, merkt man am einfachsten daran, dass uns der Gedanke nicht in Freude und ein Gefühl inneren Friedens versetzt, sondern unruhig und unzufrieden werden lässt. Manchmal sogar traurig oder verletzt bis hin zu einer inneren Starre.

Es können Gedanken sein wie: Ich sollte mehr arbeiten! Ich sollte weniger arbeiten! Ich sollte mehr Sport machen! Ich sollte mehr Zeit mit meiner Familie verbringen! Ich sollte abnehmen! Ich sollte mehr essen! Jeder Gedanke kann ein Glaubenssatz sein. Ausschlaggebend ist die individuelle Bedeutung für die jeweilige Person. 

Oftmals stammen sie aus der Kindheit und sind mit Erfahrungen und Erwartungen aus der Kindheit verbunden. Unsere Kindheit prägt uns, aber sie muss uns nicht bestimmen. 

Zurück zu meinem Glaubenssatz: Ich muss mehr für mich tun.

Vor zwei Monaten bin ich zu meinem Freund auf einen wunderschönen Bio-Bauernhof gezogen. Mit mir meine beiden Pferdchen, die das Leben hier so sehr genießen wie ich. 

Mein Tagesablauf hätte sich dadurch nicht mehr ändern können.

Von einer schicken Stadtwohnung, in der ich morgens einer festen Morgenroutine gefolgt bin, die von Meditation im Stillen, Yoga oder Joggen, Journalling bei einer Tasse Tee, dem Aroma-Öl-Vernebler im Hintergrund und einem komplett selbstbestimmtem Ablauf geprägt war, hin zu einem schnellen Glas Wasser in der Früh bevor es in die Gummistiefel geht und dann ab in den Stall, wo zwei Pferde mich hungrig anwiehern, ein Lämmchen lautstark (ihr macht euch keine Vorstellung wie laut das sein kann!) nach der Flasche verlangt, ein Huhn mir gackernd zwischen den Beinen herumläuft, die Katzen gefüttert werden wollen und der Hund nicht Ruhe gibt, bevor er nicht seine angemessene Guten-Morgen-Kraulerei bekommt. Und das ist nur der frühe Morgen. 

Klar habe ich mir das selbst ausgesucht und ich liebe es. Trotzdem muss mein Ego das erst mal verkraften. Dass es nicht mehr nur um mich selbst geht. Dass mein Tagesablauf nicht zu 100% von mir selbst bestimmt werden kann. 

So viel zum Hintergrund und zurück zum Gespräch mit Udo. Seit unserer Coaching Ausbildung telefonieren wir regelmäßig miteinander, um uns gegenseitig durch den „The Work of Byron Katie“ Coaching Prozess zu begleiten. Auch ein Coach braucht einen Coach und oft ist das bei mir Udo, der in seiner pragmatischen und seelenruhigen Art den Raum perfekt hält. 

So auch dieses Mal. Wie immer beginnen wir mit einer kleinen Meditation. Einfach nur dem Atem folgen. Zum ersten Mal entspanne ich mich merklich und merke wieder einmal, wie gut und heilsam einfach nur Stille und Nichtstun ist. Durch diese anfängliche Ruhe kann ich mich fallen lassen und komme durch „The Work“ und die Umkehr meines anfänglichen Glaubenssatzes zu folgenden Einsichten:

  1. Ich muss nicht mehr für mich tun.

Wer sagt mir denn, dass ich mehr für mich machen muss? Eigentlich nur ich selbst bzw. mein Ego, das Angst vor Veränderungen hat und am Gewohnten festhalten will. 

Vor allem kommt es doch darauf an, WIE man etwas tut bzw. nicht tut.

Denn ich kann zwei Stunden „meditieren“ und dabei schwirren mir aber die To Dos der Woche durch den Kopf oder ich kann den Tag über kleine Momente nutzen und dabei ganz bewusst sein. Wenn ich zum Beispiel dem Lämmchen die Flasche gebe und es währenddessen kraule, kann ich bewusst das flauschige Fell oder die Schmatzgeräusche (vom Lamm, nicht von mir) wahrnehmen. Wenn ich aus dem Küchenfenster die Schafe auf der Weide beobachte, dann kann ich für eine Minute meinem Atem lauschen. Diese bewussten Momente sind zu meiner neuen Meditation geworden. Aber anfangs war mir das nicht bewusst. Es stresste mich den ganzen Tag, wenn ich aufstand, ohne zuvor meditiert zu haben.

2. Ich darf mehr für andere tun. 

Durch den kürzlichen Umzug wurde mein Leben ziemlich umgekrempelt. Von völliger Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit wann ich was tue, lebe ich nun in einem Gefüge aus verschiedenen Individuen, Mensch als auch Tier. Deshalb erschien mir das Füttern und Verpflegen der Tiere, das Kochen für mehr als nur zwei Personen, der Haushalt in einem großen Haus zwar als schön und irgendwie auch erfüllend, aber ich sah es nicht als etwas an, das ich für mich tat. Sondern für andere. Je mehr ich für andere tat, umso schlechter fühlte ich mich, weil ich mich nicht um mich und meine eigenen Aufgaben kümmerte. Dabei verstand ich nicht, dass ich auch durch und mit anderen etwas für mich tun kann. Dadurch, dass ich meine Zeit bewusst gebe und schenke (und nicht, weil ich denke ich müsste es tun), handle ich selbstbestimmt und habe für mein Tun die volle Verantwortung. Dadurch tue ich es automatisch für mich. 

Im Grunde ist es auch ein Zeichen der Zeit. Meiner sogenannten „Umstellungszeit“. Denn ein Baby wird die eigenen Prioritäten sicherlich verschieben. Und wenn ich mir dann jedes Mal beim Stillen denke: „So liebes Babylein, jetzt hab ich etwas für dich getan, jetzt lass Mama auch mal was für sich tun“, dann wird das wohl nur so semi gut funktionieren. 

3. Ich darf mehr für mich tun. 

Im Vergleich zum Ausgangsglaubenssatz ist hier nur das Wörtchen ‚muss‘ in ein ‚darf‘ geändert. Diese kleine Veränderung nimmt aber bereits unglaublich viel Spannung und Druck aus dem Satz. Wenn mir der Sinn danach steht, dann kann ich etwas für mich tun. Es steht mir zu, aber es obliegt meiner eigenen Entscheidung und meiner Laune, nicht meinem strengen Ego.

Gerade während der Schwangerschaft hat jeder einen guten Rat parat. Natürlich immer gut gemeint, aber am öftesten höre ich folgendes: 

„Du musst jetzt viel schlafen, später wird das nichts mehr!“ So als ob man einen zahnlosen und schreienden Terrorist zur Welt bringen würde, der einen bis er 18 ist nie wieder schlafen lässt.

„Ihr müsst jetzt nochmal zusammen in den Urlaub fahren. Nach der Geburt ist das für immer vorbei!“. Mit einem Landwirt als Freund ist Urlaub ohnehin spärlich gesät, aber was ist denn mit Urlaub mit Kind? Ist das denn so schrecklich?

Wenn ich dann noch meinen Instagram Feed durchscrolle und meine schwangeren Freundinnen und Bekannten sehe, wie sie Berge erklimmen, in tolle Cafés gehen, in Barcelona Umstandsmode shoppen und sich halt #metime gönnen, dann stellt sich bei mir auch mal ganz schnell #fomo (= fear of missing out) ein. 

Da fühlen sich gutgemeinte Ratschläge schnell an wie eine strenge To Do Liste, die es zu befolgen gilt, weil die Glückseligkeit sich dann niemals wieder einstellt. 

Und etwas „für sich selbst tun“ verliert das friedvolle und leichte Gefühl. 

4. Ich muss noch weniger für mich tun. 

Wenn ich Revue passieren lasse, wie viel ich an einem Tag tue, dann ist das schon eine Menge. Ich bin mir sicher, dass es jedem so geht: Wenn man sich nur die Zeit nimmt, um bewusst wahrzunehmen, wie viele tausend Kleinigkeiten man eigentlich den Tag über erledigt.

Anstatt also immer noch mehr zu tun, ist es durchaus angebraucht, auch einfach mal wenig oder gar nichts zu tun. Und das bewusst und ohne Reue!

Z.B. einfach nur in Stille dasitzen, ein paar Minuten seinem Atem lauschen, sich auf den Küchenstuhl setzen und den Vögeln beim Zwitschern zuhören, ein kleines Mittagsschläfchen und vieles mehr. Manchmal tendiert man auch dazu, sich eine regelrechte „Entspannungs-Agenda“ zusammenzustellen. Ich kenne das sehr gut und neige auch selbst manchmal dazu. Erst meditieren, dann gehe ich ins Yoga, dann lese ich im Buch Seite 45 bis 68 und dann gehe ich in die Sauna. Kann zwar entspannend sein, wahre Entspannung liegt aber meistens im bewussten Nichtstun. 

Als wir am Ende unserer Session angekommen sind und ich in die Nachwirkungen dieser Erkenntnisse hineinspüre, fühle ich mich wie ein neuer Mensch. Ich atme ruhiger und tiefer, ich fühle mich freier und leichter und bin absolut beschwingt. Ich habe zum ersten Mal seit langem auch wieder Lust, etwas für mich zu tun und empfinde es nicht als Pflicht. 

Wie so oft werde ich mir bewusst, wie heilsam „The Work“ für mich persönlich ist. Es hilft mir immer wieder aufs Neue, den belastenden Glaubenssatz zu finden, die Problematik dahinter zu verstehen und ihn auch gleich aufzulösen.

Meine Herausforderungen derzeit sind damit zweierlei: 

Erstens wieder eine neue „Routine“ für mich zu etablieren und zweitens den Wandel annehmen und daraus lernen, dass die einzige Konstante im Leben die Veränderung ist. Und sich somit auch Routinen ändern dürfen…

Erfahre in dieser Folge:

  • Wie man ohne große Erfahrungen beginnen kann Marathon zu laufen und innerhalb eines Jahres sogar einen Ultramarathon bestreiten kann.
  • Wie man sich am besten vorbereitet und woher man umsonst super Laufpläne bekommt.
  • Tips wie man den inneren Schweinehund überwindet – Marina hat eigentlich NIE Lust auf einen langen Lauf!
  • Welche Rolle Ernährung bei Marina spielt und ob man alles essen kann, was man will, wenn man Ultramarathonläuferin ist.
  • Ihre Erfahrungen auf dem Jakobsweg.
  • Was die Krankheit ihrer Mutter mit Marinas Marathonmotivation zu tun hat.
  • Wo der Körper seine Grenzen zeigt und wann man auf ihn hören sollte.
  • Wie man am besten mit Rückschlägen beim Sport umgeht.
  • Wie man mit tightem Budget um die Welt reisen kann.
  • Wie man die eigenen Glaubenssätze in Bezug auf ein eigenes Business überwindet.
  • Wie man organisch seine Social Media Follower steigert und ob es sich lohnt, Follower zu kaufen.
  • Wie man sich selbst organisiert, um vielen Interessen und Hobbys nachzugehen und welche Eigenschaften dabei wichtig sind.
  • Die Morgenroutine von Marina.
  • Marinas Weg für mehr Selbstliebe und Vitamin L.
  • Und vieles vieles mehr…

Weiterführende Infos:

In Zeiten von durch Social Media verursachter Unzufriedenheit mit uns selbst, grenzenloser Selbstoptimierung sowie Gesundheits- und Lebensmittelskandalen, möchte ich eine Lanze für unseren wunderbaren, endlos intelligenten und starken Körper brechen. Jeder möchte heutzutage schöner, klüger, schneller und einzigartiger sein. Doch der Körper bleibt dabei oft auf der Strecke. Völlig zu Unrecht! Ein Loblied auf unseren Körper:

1. Dein Körper weiß und kann alles. 

Unser Körper ist ein Biocomputer. Er weiß wann er schlafen und aufwachen soll, wann es Zeit ist auf die Toilette zu gehen. Er behält konstant eine Temperatur von 37 Grad, repariert und heilt sich selbst bei Verletzungen. Er spaltet Essen in verfügbare Energie und Nährstoffe auf. Unser Herz setzt keinen Schlag aus und unsere Lungen nehmen jeden Atemzug. 

Unser Körper ist dauernd damit beschäftigt, Informationen zu verarbeiten und die Umgebung zu beobachten, um nötige innere Anpassungen vorzunehmen, die uns dabei helfen, im Gleichgewicht zu halten.

Er will einen Zustand der Homöostase, den Zustand des Gleichgewichts. Unser Körper möchte gesund sein. Gibt es an der einen Stelle einen Mangel, versucht er ihn andernorts auszugleichen. Und um ihm diesen Zustand zu erleichtern, müssen wir ihm nur zuhören. 

2. Dein Körper spricht mit dir. 

Eigentlich die ganze Zeit. Wenn du gesund bist, sagt er uns: Mach weiter so! Wenn wir krank sind, dann möchte er uns sagen: Halt, etwas stimmt nicht mit mir. Bitte ändere etwas!

Genauso ist es bei bestimmtem Verlangen nach etwas. Viele Menschen sehen sie als Schwächen, aber oft sind sie wichtige Nachrichten deines Körpers, die dich dazu bringen sollen, ihn in Balance zu halten. Wenn du also ein Verlangen verspürst, geh ihm auf den Grund und frage dich: „Was will mein Körper mir sagen? Fehlt mir vielleicht etwas?“ Das beste und einfachste Beispiel: Wir sind müde. Was tun wir dann oft? Wir trinken Kaffee. Doch Kaffee führt nicht dazu, dass unser Körper wacher wird. Er überdeckt nur diesen Zustand durch Koffein. Die Müdigkeit bleibt bestehen. Wie wäre es also einfach mit mehr Schlaf?

Gesundes Essen spielt in der Kommunikation mit unserem Körper eine Hauptrolle. Allerdings wird Essen heutzutage oft instrumentalisiert, um das zu bekommen, was man will. Um den Körper zu bekommen, den man will. Um dann dadurch wiederum etwas anderes zu bekommen: Mehr Aufmerksamkeit, mehr Wertschätzung, mehr Liebe. Und manchmal artet diese Selbstoptimierung derartig aus, dass es am Ende ins Gegenteil umschlägt. Wir fühlen uns schwächer und unser Körper zeigt vielleicht sogar Mangelerscheinungen wie fahle Haut, trockenes Haar oder brüchige Nägel.

Unser Körper sagt uns stets genau, worauf wir besonders achten sollen. Wir müssen seine Signale nur wahrnehmen. Und dankbar dafür sein, dass er so klar mit uns spricht.

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3. Dein Körper ist dein Freund. Er will, dass es dir gut geht. 

Was uns hierbei oft fehlt ist Verständnis und Mitgefühl. Und ich spreche nicht unbedingt von Verständnis und Mitgefühl untereinander. Ich spreche von Mitgefühl und Verständnis gegenüber uns selbst.

Unser Körper wird oft zum Leidtragenden, weil wir unsere Gefühle und Schmerzen unterdrücken. Immer schneller und weiter und extremer soll es sein. 

Doch unser Körper ist unser Freund, nicht ein Diener und erst recht keine Maschine. 

Warum behandeln wir ihn also oft wie einen ungeliebten Anhang? Wie die nervige Tante, die einfach nicht das Reden aufhört. Warum hören wir nicht auf ihn, wenn er uns etwas sagen möchte?

Einem Freund, der uns seine Sorgen anvertrauen und erzählen möchte, dass es ihm nicht gut geht, dem sagen wir doch auch nicht: „Komm, nimm diese blaue Pille hier und laber mich nicht voll!“

Mit unserem Körper tun wir dies schon. Sobald etwas weh tut, nehmen wir etwas gegen den Schmerz. Damit er möglichst schnell verschwindet. Und ich möchte mich davon gar nicht ausnehmen.

Vor einigen Wochen fühlte ich mich fiebrig, schwach und ausgelaugt. Und war deswegen wirklich sauer auf meinen Körper. Ich dachte mir: Du undankbarer Körper! Ich bin so gut zu dir! Esse gesundes Essen, bin viel im Freien, mache Sport, rauche nicht und trinke nicht, bekomme halbwegs ausreichend Schlaf und es gibt eigentlich keinen Grund, mich jetzt so zu enttäuschen. Mir war den ganzen Tag kalt. Meine Füße fühlten sich an wie Eisklötze. Folgender Gedanke ging mir ständig durch den Kopf: „Mein Körper darf nicht krank sein!“ Allein die Formulierung spricht schon Bände. Ich sprach und dachte über meinen Körper in der dritten Person. Als würde er gar nicht richtig zu mir gehören. Wie ein „Fremd-Körper“. 

4. Dein Körper vergibt dir vieles. Eigentlich fast alles.

Am Abend telefonierte ich dann mit einem Freund, mit dem ich zusammen die Ausbildung zum Coach gemacht hatte. Er begleitete mich durch eine Runde „The Work“. Und wie immer war es wie ein kleines Erleuchtungserlebnis für mich. Ich bemerkte, dass ich mich und meinen Körper nicht als Einheit wahrnahm, sondern als etwas, das mir gefälligst zu dienen und gehorchen habe. Plötzlich überkam mich eine Welle des Mitgefühls für meinen Körper. Dass er ständig versuchte, mir etwas zu sagen. Und ich – anstatt ihm zuzuhören – ihm ständig ins Wort fiel und ihn als undankbar bezeichnete. Es tat mir wirklich im Herzen weh, dass ich mich selbst so behandelt hatte. Ich empfand meinen Körper endlich zusammen mit Herz, Kopf und Seele als eine Einheit. Und da passierte etwas ganz wundersames: Innerhalb von Sekunden (!) wurden meine Füße ganz warm. Und am nächsten Tag wachte ich völlig gesund auf. 

(Wenn du mehr über das Prinzip „The Work of Byron Katie“ erfahren möchtest, so habe ich hier ein wunderbares Interview mit Ralf Heske für Dich.

5. Dein Körper gehört mit Grund zu Dir. 

Ich persönlich denke, dass das Universum jedem von uns den richtigen und für uns passenden Körper gibt. Den Körper, den wir brauchen, um die Entwicklung durchzumachen, die wir in diesem Leben durchmachen sollen. 

Mit einem kranken Körper geboren zu werden oder im Laufe des Lebens krank zu werden, ist sicherlich nicht leicht. Wenn man an einen eher spirituellen Ansatz glaubt, wie ich das tue, so braucht unsere Seele genau diese Inkarnation in genau diesen Körper. Um etwas zu erfahren oder zu überwinden und letztendlich weiterentwickelter aus diesem Leben zu gehen. Ich kenne sogar viele Menschen, die über sich und ihre (überwundene) Krankheit sagen: Die Krankheit ist das Beste, das mir je passiert ist. Durch sie lebe ich viel bewusster und habe mein Leben komplett zum Besseren umgekrempelt. 

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Also: Sei gut zu deinem Körper.

Das beginnt bei den Dingen, die du deinem Körper gibst. Und hier sind wir wieder bei Ernährung. In Zeiten, in denen beispielsweise Bayer-Monsanto von unzähligen Klagen krebskranker Menschen konfrontiert wird, findet allmählich ein Umdenken statt. Allerdings ist es auch nur ein langsames Umdenken. 

Die Zahl der Ökolandbaubetriebe und ihre bewirtschaftete Fläche haben seit Mitte der 1990er Jahre langsam und stetig zugenommen. 2017 betrug der Anteil der ökologisch bewirtschafteten Fläche an der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche 8,2 %.

Zwar sind imposante Zuwachsraten zu verzeichnen (2018 betrug die öko-landwirtschaftlich bewirtschaftete Agrarfläche bereits 8,9% und auch fast elf Milliarden Euro wurden wir Bio Lebensmittel und Bio Getränke ausgegeben), doch beträgt der Anteil von Bio am deutschen Lebensmittelmarkt gerade einmal zehn Prozent. 

Warum ist das so? Liegt es am Preis? Ein Bio-Apfel kostet um die 75 Cent (warum man Äpfel und elf weitere Obst- und Gemüsesorten unbedingt nur in Bioqualität kaufen sollte, kann man hier nachlesen. Schon ein bisschen teuer, oder? Aber cool, da gibts eine reduzierte Handtasche für 299 Euro. Das ist eine Invesition, die trage ich schließlich mein Leben lang.

Den Körper aber nicht?

Deshalb: Sei gut zu deinem Körper und liebe ihn für das, was er dir tagtäglich gibt. Er wird es dir danken. Länger als jede noch so robuste Handtasche. 

🍉 Mein aktueller Selbsttest nach Rawfood und sugarfree ist Ayurveda. Doch was ist das eigentlich? 🥕

Ayurveda ist Sanskrit und bedeutet „Wissen vom Leben“.
Die Lehre ist 5000 Jahre alt und stammt aus Indien. Es ist keine reine Ernährungslehre, sondern eine ganzheitliche „Lebenslehre“.

🍀 Ihr Ziel ist es, ein Gleichgewicht innerhalb des Geistes und Körpers herzustellen, indem man sich selbst mit seiner eigenen Natur in Einklang bringt.

🌀 Ayurveda teilt uns dabei in drei geistig-körperliche Konstitutionen (Doshas) ein: Vata, Pitta und Kapha. Sie sind die jeweilige Qualität deiner Energie, wobei Qualität nichts mit gut oder schlecht zu tun hat, sondern eher mit dem Verhältnis deiner Energie. Es gibt fünf Energieformen: Feuer, Wasser, Luft, Erde und Äther (der „obere Himmel“).

⚡️ Laut Ayurveda rührt jegliche Krankheit von einer Disbalance in unseren jeweiligen Doshas her.

💻 Den Test, welches Dosha du bist, kannst du hier machen:
https://www.rosenberg-ayurveda.de/…/ayurveda-konstitution-…/

👆🏻 Hinweis: Die meisten Menschen sind Mischtypen. Ich bin zum Beispiel ein Pitta-Kapha Typ. Auch wird unterschieden zwischen dem Dosha bei deiner Geburt und deiner jetzigen Konstitution. Denn durch z.B. ungesunde Ernährung oder Stress kann unser momentanes Dosha anders bestimmt sein, als wir eigentlich veranlagt sind.

☀️ Ernährung ist ein wesentlicher Teil dieser Lehre, allerdings machen zum Beispiel Morgenroutinen auch einen großen Teil aus. Meine eigene Morgenroutine ist sehr an Ayurveda angelehnt (siehe Post zu meiner Morgenroutine) und ich liebe sie! Laut der Lehre bestimmt die Art, wie wir unseren Tag starten, wie wir uns den restlichen Tag fühlen. Das kann ich nur unterschreiben!

📜 Aus dem Ayurveda stammend sind dabei das Zungenschaben, Ölziehen, Trockenbürsten (mache ich seit dieser Woche und ich bin ein großer Fan davon) und die Selbstmassage mit warmem Öl.

👅 Zungenschaben: Morgens gleich nach dem Aufstehen entfernt man den toxischen Zungenbelag („ama“) mit einem Schaber. Aus Edelstahl ist er für alle Doshas geeignet.

🥥 Ölziehen: Warmes Öl wird ähnlich eines Mundwassers einige Minuten im Mund hin- und hergezogen. Anfangs etwas komisch, aber man gewöhnt sich daran und kann es gut beim Duschen oder beim Trockenbürsten machen.

🧽 Trockenbürsten: Ich habe mir bei Manufactum eine feine Kupferdrahtbürste gekauft, die extra dafür gemacht ist. Das Bürsten entfernt trockene Hautschüppchen und stimuliert die Durchblutung.

🧴 Selbstmassage: Sie regt dein Lymphsystem an und ist ein wunderschönes Selbstliebe-Ritual.

Je nach Dosha gibt es auch hier unterschiedliche Empfehlungen:

💨☁️Vata: Vergoldeter Zungenschaber (würde einen aus Edelstahl empfehlen), Ölziehen und Massage mit Sesamöl.
🔥💧Pitta: Versilberter Zungenschaber, Ölziehen und Massage mit Kokosöl.
🌱💧Kapha: Kupferner Zungenschaber, Ölziehen mit Sesamöl, Massage mit Sesam- oder Mandelöl.

💖 Details zu meiner Morgenroutine findest du in meinen Instagramstories unter www.instagram.com/antoniedemmel.

“You’ll never change your life until you change something you do daily. The secret of your success is found in your daily routine.” – John C. Maxwell

Der Beginn des Tages legt den Grundstein für den restlichen Tag.
Nach diesem Prinzip pflege ich seit etwa zwei Jahren eine gewisse Morgenroutine, die ich immer weiter ausbaue (manchmal verfluche ich mich am Morgen im Bett dafür 😅) Derzeit beschäftige ich mich sehr mit Ayurveda und dabei ist mir aufgefallen, dass ich ohnehin schon sehr “indisch” unterwegs bin, was meinen Morgen angeht.

🙏 Dankbarkeit
Noch bevor ich die Augen öffne, praktiziere ich eine Dankbarkeitsübung. Und zwar für drei konkrete Dinge. Meistens ist mein warmes und weiches Bett mit dabei… 😇

👅 Zungenschaben
Nachdem ich mich ausgiebig gestreckt habe, gehe ich ins Bad, um meine Zunge abzuschaben. Ayurveda nennt den Belag auf der Zunge ‘Ama’ und ihr zufolge beginnen alle Gifte im Mund. Vor allem hält der Belag unsere Geschmacksknospen ab, das Essen richtig zu erschmecken, was wiederum dazu führt, dass unser Speichel quasi ratlos ist, welches Essen er nun aufspalten soll. Neben vielen anderen unguten Dingen kann ein nicht richtig aufgespaltenes Essen beispielsweise dazu führen, dass wir unnötig zunehmen.
Je nach ‘Dosha’, also der individuellen Konstitution (dazu mehr in einem der nächsten Posts), gibt es bestimmte Zungenschaber. Ich bin ‘Pitta’, meiner ist daher aus Silber.
Die Zahnbürste sollte man dafür übrigens nicht benützen, da sich auf ihr die Zungenbakterien ruckizucki vermehren.

🥥 Ölziehen
Ayurveda schwört ja auf das sogenannte “Ölziehen”. Also 2-20 minütiges Ziehen von lauwarmem Öl durch den Mund. Auch hier gibt es je nach Dosha ein empfohlenes Öl. Sobald ich wieder zuhause bin, will ich mit Kokosöl anfangen. Auch “dry-brushing” und “Abhyanga” (Selbst-Massage mit warmem Öl) stehen auf meiner Liste. Ich werde dann berichten!

💧Wasser trinken! Wasser trinken! Wasser trinken!
Und zwar lauwarm, mindestens einen halben Liter und so bald nach dem Aufstehen wie möglich. Nach dem Schlafen ist unser gesamter Körper dehydriert. Vor allem unser Gehirn. Lauwarm sollte es sein, da sich sonst unsere Organe zusammenziehen und verkrampfen. Und so auch keine geregelte Verdauung und Fettverbrennung stattfinden können.

Meditation
Ich könnte jetzt tagelang von den positiven Effekten der Meditation schwärmen (Ruhe, Ausgeglichenheit, Resilienz…), aber am besten ist, man probiert es selbst aus. Natürlich regelmäßig, nach nur einem
Mal ist noch niemand erleuchtet 🙂 Viele denken, dass es bei Meditation darum ginge, seine Gedanken abzustellen. Vielmehr geht es aber um unsere innere Haltung zu den Gedanken, die auftauchen. Steigen wir gedanklich in diese ein oder lassen wir sie vorbeiziehen wie Wolken? Es gibt viele tolle Apps wie zum Beispiel Headspace, 7 Minds oder Calm. Oder aber man schaut auf Youtube nach geführten Meditation von Deepak Chopra, Osho und vielen mehr. Wichtig: Man muss zum Meditieren nicht immer still sitzen. Man kann auch eine Gehmeditation machen oder auch achtsam essen, Gemüse schnippeln, Rasen mähen und vieles mehr…

☀️ Yoga
Wenn ich morgens nicht im Olympiapark laufen gehe, dann mache ich ein paar Sonnengrüße, Hüftöffner und Umkehrhaltungen. Danach fühle ich mich jedes Mal super entspannt und erfrischt zugleich 😎

🍵 Journalling
Bei einem Tee und einem leichten Frühstück setze ich mich noch ein paar Minuten und schreibe zu einem bestimmten Thema. Meistens mache ich in Schriftform “The Work of Byron Katie”, manchmal mache ich mir tiefere Gedanken zu meiner Intention des Tages. Je nachdem, wonach mir gerade der Sinn steht 🥳

Namasté ❤️

Erfahre in dieser Folge

  • Wie sich Ralf selbst aus einem Sumpf aus Drogen und Alkohol befreit hat
  • Wodurch er die Ängste aufgelöst hat, die ihn seit seiner Kindheit verfolgen
  • Was the Work of Byron Katie eigentlich ist und wie es den Beginn eines neuen Lebens bedeuten kann
  • Wie wir durch the Work unseren wahren Kern entdecken, Herzensfreude empfinden und in uns Platz für Neues schaffen können 
  • Wann man weiß, dass eine Beziehung zu Ende ist und wie man aus einer ungesunden Beziehung herauskommt 
  • Wie wir mit stressigen und schwierigen Situationen wie Trennungen, Arbeitsplatzverlust und Schicksalsschlägen klarkommen können inkl. einem Notfallplan
  • Und warum wir immer den nächsten Schritt gehen können, egal wie ausweglos die Situation erscheint
  • Wie wir die Angst überwinden können, die uns beherrscht und uns vor wichtigen Handlungen abhält
  • Wie man andere aber vor allem sich selbst mehr lieben kann
  • Warum das, was wir über andere denken, viel mehr über uns selbst aussagt
  • Warum wir uns erst um uns selbst kümmern sollten, um die Welt ein kleines Stückchen besser zu machen und
  • Was DIE Frage für ein glückliches, friedvolles und liebevolles Leben ist

Begleitende Infos zu der Folge:

Disclaimer: Diese Geschichte spielte sich genau so am Sonntag den 13. Januar 2019 ab. Mir war es ein Bedürfnis, sie sofort danach niederzuschreiben. Nichts ist dazu erfunden.

Es ist Sonntagmorgen. Wir betreten den Schafstall. Auf den ersten Blick wirkt alles ganz ruhig. Für mich zumindest. Er hat mit seinem Scannerblick nach 3 Sekunden schon 90% des Stalls kontrolliert.

Zwar war ich schon einige Male beim Füttern dabei, trotzdem stehe ich wie jedes Mal etwas hilflos neben ihm und schaue ihn an. Warte auf seine Anweisungen, die er so schnell runter rattert, dass ich vor Aufregung immer gleich wieder die Hälfte vergesse. Er macht das seit Jahren und jeder Handgriff, jede Bewegung sitzt. Die Lage des Wassereimers, die Position des Besens, die Ausrichtung der Futtertröge. Alles hat seinen Sinn. Wirklich alles. Wenn ich manchmal vergesse, was er jetzt gerade gesagt hat, dann fange ich an selbst nachzudenken und mir zu überlegen, wie es wohl am ehesten Sinn macht. Die Chance ist 40:60, dass ich richtig liege. Mit nur 40% für mich. 

Ich weiß gar nicht mehr, was es zuerst war. Sein Schreien oder dass ich das kleine Lamm dort im Stroh liegen sah. Mit merkwürdig verdrehtem Kopf. Ich gehe näher und blicke hinunter. Ist es tot, frage ich mich. Dann sehe ich aber, wie sich der kleine weiße Brustkorb leicht hebt und senkt. Kurz bin ich erleichtert. Als ich den Kopf berühre, wird der verdrehte Kopf noch sichtbarer. Er ist stark nach rechts gedreht, das kleine Lämmchen kann ihn nicht richtig heben. Ich rufe zu ihm hinüber „Ich glaube es hat sich das Genick gebrochen!“. „Nein, dann wäre es ja tot!“ Zum gefühlt vierzigsten Mal an dem Tag denke ich mir „Denk doch mal bisschen besser nach, Antonie!“. Dabei blökt das Lämmchen am Boden die ganze Zeit herzzerreissend. Vermutlich bzw. ziemlich sicher hat es seit seiner Geburt in der Nacht noch nichts getrunken. Die erste Milch nennt man Biestmilch. Sie ist aus zwei Gründen wichtig für das Neugeborene. Zum einen enthält sie jede Menge Fett und damit Energie, die dem Lamm ermöglicht, in seiner neuen Umgebung zu überleben. Zum anderen enthält Biestmilch Antikörper, die das Lamm schützen, bis es selbst genügend Antikörper produzieren kann. Er kommt näher und nimmt das Lamm in seine Hände. Begutachtet es, dreht es in seinen großen Händen, legt es wieder ins Stroh und sagt dass wir uns später darum kümmern. 

Als Leser denkt man jetzt sicher das sei grausam. Um ehrlich zu sein war ich auch hin und her gerissen. Wir können doch das Lamm jetzt nicht einfach hier liegen lassen? Ich blicke hektisch hin und her. Frage mich, wie ich mich entscheiden würde. Was hat jetzt Priorität? Hunger und Durst haben alle Schafe hier im Stall. Inklusive der Lämmer sind es über 100 an der Zahl. Bei mir in der Arbeit geht es oft ums richtige Priorisieren. Und wie viele meiner Kollegen sage auch ich oft: „Ich habe so viel zu tun, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll!“ Hier im Schafstall komme ich mir ziemlich dumm vor bei der Erinnerung an solche Situationen. Wer lernen will, was richtig priorisieren heisst, dem würde ich ein Praktikum auf dem Bauernhof ans Herz legen. 

Überhaupt hinterfrage ich den Sinn meiner Arbeit seit ich meinen Freund kenne sehr kritisch. Und damit bin ich nicht alleine. Aus Gesprächen mit Freunden erfahre ich, dass es vielen so geht. Jeder ist auf der Suche nach dem tieferen Sinn seiner Tätigkeit. Zwar hat jeder viel Arbeit, ist den ganzen Tag beschäftigt. Aber was bekommt man an Output? Und hat dieser Output eine positive Wirkung auf diese Welt? Um ehrlich zu sein will ich gar nicht so viel darüber nachdenken. Was klar ist: Die Arbeit meines Freundes hat durchaus eine positive Auswirkung auf die Welt. Denn als Bauer ernährt er uns. Ohne Leute wie ihn wäre es wohl noch schlechter um unsere Erde bestellt. Als ich diesem Gedanken nachgehe, höre ich seinen Schrei. Am Klang seiner Stimme höre ich, dass etwas nicht stimmt.

Ich drehe mich um und sehe wie er mir entgegenkommt, mit einem schwarz-gefleckten Lamm in den Armen. Es sind schon knapp 30 Lämmer in den letzten beiden Monaten zur Welt gekommen, alle gesund, und bisher waren auch alle weiß. Das ist das erste gefleckte Lamm, wie eine Kreuzung aus Dalmatiner und Kuh sieht es aus. Doch es bewegt sich nicht. Ist nass, Wasser tropft herunter. Es war in den Wassertrog gefallen und dort scheinbar ertrunken. Er legt es auf den Boden und versucht es wiederzubeleben. Komischerweise kommen mir Baywatch Assoziationen in den Kopf. Gott sei Dank kann keiner deine gestörten Gedanken lesen denke ich mir. Und denke mir dann: Wären wir doch etwas früher aufgestanden. Für Bauernhofverhältnisse haben wir heute nämlich ausgeschlafen. Mein Schlaf ist mir heilig. Jetzt verachte ich mich selbst dafür. Wie ignorant ich doch manchmal bin. Vielleicht wären wir dann nicht zu spät gekommen und ein Dalmatiner-Lamm würde jetzt putzmunter über das Stroh springen. Doch wir sind zu spät.

Er hat erst noch ein anderes kleine Lamm zu füttern. Die Milch, die er zuvor im Haus aufgewärmt und in eine Babyflasche gefüllt hatte, wird sonst kalt. Und das andere Lamm hat auch Durst. Es ist ein besonders winziges Lamm. Es kam wenige Tage zuvor zur Welt und hat leicht verkrüppelte Vorderbeinchen. In freier Natur würde so ein Lamm wohl keinen Tag überleben. Auch in Massentierhaltung würde man es wohl sofort erschlagen. Wer jetzt denkt: Was, erschlagen? Das ist doch viel zu grausam, dem kann ich nur empfehlen, ab und an Videos von solchen Betrieben anzusehen (Warnung: Der Inhalt des Videos ist nichts für schwache Nerven. Trotzdem zeigt er die Realität in vielen Großbetrieben. Großbetriebe, die den Verkauf von billigem Fleisch möglich machen). Vielleicht überdenkt man dann sein eigenes Konsumverhalten, wenn man im Supermarkt zum Billigfleisch greift. Aber das ist nochmal ein anderes Kapitel. Zurück zum kleinen Lamm Hinkebein. Es kann nämlich nicht laufen. Zumindest nicht ohne Hilfe. Deshalb holt er es mehrmals pro Tag aus dem Stall und massiert die dünnen spargelähnlichen Beinchen. So dick wie seine Daumen sind sie. Dann legt er zwei schmale Holzschienen an, links und rechts von jedem Bein, und bandagiert sie dick. Das Verbandsmaterial ist grün und Elche sind darauf gedruckt. So sind die Beine stabilisiert und es kann losgehen. Alle paar Schritte fällt es um, er richtet es wieder auf und ermutigt es noch weiter zu gehen. Es läuft ihm hinterher, als wäre er die Mama. Ein wirklich rührender Anblick. Während ich noch gedankenversunken dastehe, hat er schon die nächsten drei Sachen erledigt. Hinkebein bekommt jetzt also die Flasche, da der Winzling ja trotz seiner Stelzen nicht so gut stehen kann und daher nur schwer an Milch kommt. 

Dann gehen wir zurück zu dem Lamm mit dem verdrehten Hals. Es liegt im Stroh und zappelt, als würde es gleich loslaufen wollen. Er legt das Mutterschaf „aufs Kreuz“ und beginnt, die erste Milch abzumelken. Diese füllt er in Kanülen, um sie dem Lamm dann mit der Hand zu verabreichen. Die Milch spritzt mir ins Gesicht. Er zeigt mir, wie man es mit der Milch füttert. Der Zeigefinger der linken Hand kommt in den kleinen Mund, damit es anfängt zu saugen. Mit der anderen Hand setzt man die Kanüle seitlich an und drückt mit dem Daumen eine Winzige Menge der Milch in den Mund. Das kleine Lämmchen saugt und schluckt ganz eifrig. Man hört es ganz leise schmatzen. Hoffentlich passiert ein Wunder und es wird wieder gesund, denke ich mir.

Die Stimmung ist jetzt ziemlich angespannt. Seine Stimme wird lauter und einen Tick strenger. Für Diskussionen ist jetzt nicht viel Zeit. Für Fehler gar keine. Der Wassereimer in einem der Schafställe ist von einer der Mutterschafe umgeworfen worden. Weil ich ihn auf die falsche Seite gestellt hatte. Und zwar dorthin, wo normalerweise das Futter ist. Klar sucht sie unter dem Wassereimer nach Futter. Blödes Schaf denke ich mir. Aber eigentlich denke ich das gerade über mich selbst. 

Werde ich das jemals lernen, frage ich mich. Dauernd vergesse oder übersehe ich etwas. Wie soll ich ihm denn jemals eine richtige Hilfe sein? Sein ungeduldiger und subtil genervter Tonfall macht das alles nicht gerade leichter. Wäre ich mit mir selbst nicht ziemlich im Reinen, so hätte ich nach dem Tag heute wohl ziemliche Komplexe und würde im Stall in Tränen ausbrechen. Würde mich von ihm ungeliebt und nicht mit genügend Aufmerksamkeit bedacht fühlen. Aber solche Dinge haben in solchen Situationen eher nur wenig Priorität. Das Zusammensein mit meinem Freund in solchen Situationen ist wie drei Intensivkurse in Selbstliebe, nur eben auf die harte Tour. Entweder man kommt damit zurecht oder man ist hier falsch. 

Dann gehen wir zu seinen 440 Hühnern, die in zwei mobilen Hühnerställen froh und munter umherflattern und im Boden scharren. Als wir die Luke zu den Hühnernestern öffnen, wo die Eier hineingelegt werden, sitzen einige Hühner darin. Das ist an sich nichts unnormales. Man gibt ihnen dann einfach einen Schubs und darunter sind die Eier, die noch warm sind. Mit seinem superschnellen Kontrollblick sieht er aber sofort die Henne mit dem blutigen Kopf. Hennen sind untereinander richtige Fieslinge. Sie mobben sich, indem sie anderen Hennen auf den Kamm oder den gesamten Kopf picken. Diese hier hat gar keine Federn mehr, an der Seite des Halses klafft eine blutige Wunde. Ich zucke zusammen und drehe mich kurz weg. Auch hier würde vermutlich jeder (konventionelle) Großbetrieb sofort kurzen Prozess machen. Kopf ab. Nicht so bei meinem Freund. Er trägt mir auf, sie zum Schafstall zu bringen. Dort ist schon eine „Krankenstation für gemobbte Hühner“ installiert, in der sie wieder zu Kräften kommen können. Ich sprühe das Desinfektionsmittel auf ihren Hals. Schön findet sie das nicht, es ist ihr nicht zu verdenken. Dann setze ich sie neben die Futterschale, wo sie emsig zu Picken beginnt. 

Auf dem Weg hinaus gehe ich wieder an dem schwarzen Lamm vorbei, das auf dem kalten Boden liegt. Diesmal bücke ich mich hinunter und schließe ihm die Augen. 

Als wir von den Hühnern zurückkommen, kommt auch die Tierärztin in den Hof gefahren. Sie schaut sich das Lämmchen mit dem verdrehten Hals an. Ich möchte am liebsten jedes Mal hingehen und es einfach halten und streicheln. Sei nicht dumm denke ich mir dann. Was soll das denn bringen? Ja, wahrscheinlich nur ein besseres Gefühl für mich selbst. Die Tierärztin untersucht es und schüttelt den Kopf. Im Grunde ist es mir die ganze Zeit schon klar gewesen. Es so am Leben zu halten wäre Tierquälerei. Es kann nicht selbst laufen, nicht trinken, es kann eigentlich gar nichts alleine. Dabei hat es so stark gesaugt, als wolle es sagen: Aber ich will doch hier bleiben! Sie zieht eine Spritze auf. Darin eine Flüssigkeit, die es erst einschlafen lässt. Als mein Freund es auf den Arm nimmt und die Tierärztin die für so ein kleines Lamm mir sehr groß aussehende Kanüle in die Haut schiebt, macht es keinen Mucks. Was für ein tapferes kleines Geschöpf denke ich mir. Und wir jammern bei jeder kleinen Spritze beim Arzt. Mir fällt mein Meerschweinchen Rocky ein. Als ich 17 war, wurde er auch eingeschläfert und bekam zuvor diese Schlaf-Injektion. Ich spüre wie meine Augen feucht werden. Verdammt nochmal, jetzt reiss dich zusammen, denke ich mir. Das kann doch nicht wahr sein. Als die Tierärztin dann die zweite Spritze gibt, in dem das Mittel zum Einschläfern enthalten ist, will ich eigentlich hingehen und das Lamm zumindest ein wenig streicheln. Vielleicht ist dann seine Reise in den Schafhimmel ein klein wenig leichter. Aber jetzt spüre ich, wie mir die Tränen in die Augen steigen. Du Lusche, denke ich über mich selbst. So etwas wirst du wohl noch einige Male zu sehen bekommen. Du gewöhnst dich besser daran. Aber scheinbar scheine ich durch das kurze Füttern schon eine Verbindung zum Lamm aufgebaut zu haben. Vielleicht ist es auch PMS. Oder beides. Scheiß Zucker denke ich bei mir. Als ich 80 Tage auf Zucker verzichtet habe, hatte ich null PMS. Gott sei Dank steht der Hund neben mir und ich konzentriere mich mit Versessenheit aufs Streicheln, in der Hoffnung dass niemand bemerkt, wie ein paar Tränen runterkullern. Gott sei Dank regnet es auch gerade, so dass das auf meinem Gesicht auch Regentropfen sein könnten. 

Vielleicht denkt sich jetzt mancher Leser: Aber es passieren doch überall auf der Welt viel schlimmere Dinge! Menschen werden ermordet, Kinder verhungern, Mütter werden hingerichtet. Mir ist bewusst, dass es Leid überall auf der Welt gibt. Trotzdem befinde ich mich gerade hier auf diesem Hof und auch die Situation ist sehr real für mich. Und ich leide in diesem Moment mit. 

Wir stapfen durch den nassen und schweren Schnee zurück ins Haus. Nachdem ich meine Gummistiefel ausgezogen habe, gehe ich ins Bad und schaue mich im Spiegel an. Wie scheisse du aussiehst, denke ich mir. Ich habe zweierlei Sprenkel im Gesicht. Einmal die Muttermilch, einmal das Desinfektionsspray. Hält er mich so eigentlich für attraktiv, frage ich mich. Dann wasche ich mir Gesicht und Hände und gehe in die Küche. 

Als wir dann um 13 Uhr die erste Mahlzeit des Tages zu uns nehmen, schaue ich meinen Freund an. Müde sieht er aus und ziemlich abgekämpft. Tiefe Schatten liegen unter seinen Augen. Trotzdem blitzen seine braunen Augen. In dieses Blitzen in den Augen habe ich mich verliebt. Neben tausend anderen Dingen natürlich. Und denke mir, dass ich eigentlich gar nie richtig auf ihn böse sein könnte. Ich bewundere zutiefst, was er jeden Tag tut. Während ich ächze, wenn ich zehn Stunden in der Arbeit sitze, ist für ihn ein 12-14 Stunden Tag die Regel. Im Sommer werden daraus täglich 14-16 Stunden. Damit wir alle ausreichend zu Essen haben. 

Das neue Jahr ist jetzt schon zwei Wochen alt. Trotzdem ist es noch nicht zu spät für gute Vorsätze. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann vermutlich, dass man als Leser zweierlei Dinge mitnimmt. 

Erstens: 

Schätzen Sie Ihre Gesundheit. Ständig. Die eigene, die der Familie, der Haustiere, auch der Kollegen, der Nachbarn. Einfach aller. Denn sie ist nicht selbstverständlich. Leider fällt uns das erst auf, wenn wir selbst krank sind. Oder eben beim Anblick eines kleines Lämmchens mit verdrehtem Hals.

Zweitens:

Essen Sie verantwortungsvoll. Denken Sie nach, was Sie wann und wo kaufen. Und wie viel davon. Vor allem bei Fleisch und allen tierischen Produkten. Dass Billigeier nicht von glücklichen Hühnern und Billigfleisch nicht von fröhlichen Schweinen kommt, sollte jedem hinreichend bekannt sein. 

Somit bleibt mir nur, jedem noch ein wunderbares Jahr 2019 zu wünschen. Bleiben Sie gesund und munter.

Anmerkung: 

Mein Freund betreibt einen wunderbaren Bio-Bauernhof auf über 70 Hektar. Primär werden dort von ihm unzählige Gemüsesorten und Getreide angepflanzt, gehegt, gepflegt und geerntet. Er hat 440 Zweinutzungshühner, die jeden Tag brav ihre Eier legen. Eines der Hühner heißt sogar Antonie. Dass es das schönste Huhn ist, muss nicht extra erwähnt werden. Außerdem hat er über 100 Schafe, die vor allem zur Landschaftspflege eingesetzt werden. Die vier Ziegen dürfen an Altersschwäche sterben. Auf dem Hof leben noch zwei Katzen und der Hofhund. Sowie in der Küche ein paar Mäuse. Ich kenne niemanden, der mit so viel Liebe und Leidenschaft seinem Beruf nachgeht. Beim Lesen des Texts mag man den Eindruck bekommen, dass es nicht so viel zu Lachen mit ihm gibt. Aber wenn gerade nicht der Notstand herrscht, dann ist er der liebevollste Mensch der Welt. Einen genaueren Eindruck vermittelt dieses wirklich zauberhafte Video.

Der Hof liegt in Moosinning, Ismaninger Straße 22. Fast rund um die Uhr kann man dort Eier und Gemüse am Selbstbedienungsstand kaufen. Der Hofladen ist immer am Samstagvormittag geöffnet. Mit etwas Glück sieht man ihn dann auch. Vielleicht sieht man mich sogar ab und an. Sonntags ist die Chance am größten, deshalb nennt er mich auch seine Sonntagsbäuerin. Hauptsächlich in meinem schicken Bauernhofdress, das man auf dem Foto bestaunen kann (Endlich hat auch mein Papa Geschenkideen für mich. Zu Weihnachten bekam ich eine Engelbert Strauss Arbeitshose und gefütterte Gummistiefel von der BayWa). Das andere Outfit ist mein Büro Outfit. Offensichtlich. In den letzten Tagen kamen noch weitere gefleckte Lämmer zur Welt. Alle sind putzmunter. Eines davon seht ihr oben auf dem Foto zusammen mit seiner Mama. Und ganz oben im Artikel als auch auf meinen Armen ist Hinkebeinchen zu sehen. Mittlerweile läuft er schon ohne Stelzen, auch wenn ihm die grünen Socken mit den Elchen drauf ganz wunderbar standen. 

 

Disclaimer: Diese Geschichte entspricht der Wahrheit. Ich habe kein bisschen dazu erfunden, höchstens etwas weggelassen. Das Leben schreibt eben die besten Geschichten.

Während ich diese Zeilen schreibe, bin ich in einem Provinz-Krankenhaus in Italien, genauer gesagt in der toskanischen Pampa, und warte auf den weltweiten Spezialist seines Fachs, Prof. Dario Conte aus Mailand.

In diesem Krankenhaus befinde ich mich seit letzten Freitagabend, heute ist Freitag exakt eine Woche später.

Vor zehn Tagen lagen wir am Pool eines zauberhaften kleinen Hotelsmit nur wenigen Zimmern und ich dachte mir, dass mein Leben, genauso wie es ist, absolut wunderschön ist und es nichts gibt, das ich ändern würde. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich in den letzten Tagen zuversichtlich bei meiner Meinung geblieben bin. Aber alles der Reihe nach:

Es ist Dienstagabend und ich sitze an der langen steinernen Tafel im Freien neben Marisa, der Herrin des Hauses meiner momentanen Unterkunft, und wir essen ihre Pasta al Pomodoro. Ein Gericht, das schlicht klingt und in Deutschland oftmals leider auch unspektakulär schmeckt. An dieser Stelle muss ich meinem Freund bereits den Titel „Bester Pasta Al Pomodoro Koch“ aberkennen und ihn Marisa verleihen. Ich wünschte ich könnte Euch alle probieren lassen; nicht mal ein Foto habe ich gemacht, so war ich im wahrsten Sinne des Wortes in meine Pasta al Pomodoro versunken. Es war, als würde ich Sonne und Liebe essen. Ich schmecke die heisse toskanische Sonne in den San Marzano Tomaten, die ihr Mann Franco nur wenige Stunden zuvor im eigenen Garten geerntet hat. Die fruchtige Schärfe des Olivenöls der eigenen Bäume und den aromatischen Basilikum. Nach dem ersten Teller Pasta (der nicht klein war!) bekomme ich eine Führung in diesem Garten Eden der Familie De Marco. Reife ferrari-rote Tomaten verschiedenster Sorten neben Rosmarin und Basilikum, Obstbäume von Pfirsich über Granatapfel, Kaki und Feige bis hin zu Birne, Zwetschge und Walnuss. „Wir benutzen keinen, wie sagt man, Dünger. Nix. Und siehst du, alle Bäume sind voll!“

Erst vor kurzem war ich mit der Slowfood Akademie auf Exkursion und wir haben untersucht, was zu viel Dünger mit dem Boden macht. Biodiversität ist bei zu viel Dünger und Pestiziden kaum mehr möglich. Ganz zu schweigen vom Geschmack. Was auch der zweite Teller Pasta al Pomodoro eindrucksvoll beweist, den ich nach der Gartenführung selig verspeise. Das Gericht besteht aus nichts als guter italienischer Pasta, San Marzano Tomaten („Die besten für Soße!“), Olivenöl, frischem Knoblauch, Salz und Pfeffer. Also fast.

Die wichtigste Zutat: Amore.

Kürzlich hörte ich einen Vortrag, in dem eine Dame von einem Experiment berichtete: Man schält eine Orange, teilt sie in Spalten, nimmt eine Orangenspalte heraus und widmet dieser seine ganze Aufmerksamkeit, behandelt sie besonders liebevoll und dankbar. Anschließend legt man sie wieder zum Rest der Orangenstücke zurück. Dann lässt man eine bisher abwesende Person alle Orangenstücke durchprobieren und fragt sie, welches am besten geschmeckt hat. Wem das jetzt wie Hokuspokus vorkommt, der wird sehr erstaunt über das Ergebnis sein: Ausnahmslos ein jeder Tester bestätigt, dass das eine Stück, dem Dankbarkeit und Liebe geschenkt wurde, am besten schmeckt.

Dankbarkeit ist ein essentielles Stichwort für mich in diesen Tagen. Geplant war eine Woche voller Road Trip Abenteuer in der Toskana. Wir waren in den idyllischsten Hotels, haben bei Silvana Cugusi den besten Pecorino der Welt gegessen, die schönste und berühmteste Straße der Toskana gesehen, laut Feinschmecker eines der besten Olivenöle der Welt verkostet, waren mit meinem Fiat 500 an Orten, die zu schön waren, um wahr zu sein. Haben gelernt Pasta selbst zu machen und wollten das Ende der Reise mit der Hochzeit von Stéphanie & Giordano am Samstag krönen. Leider machte uns das Schicksal einen fetten Strich durch diese Rechnung und seit Freitagabend sind wir nun schon im Krankenhaus. Die erste Nacht verbrachte ich auf einem Stuhl neben dem Bett, in dem mein Freund sich unter Schmerzen krümmte. Ich spreche zwar gut Italienisch, doch ist mein medizinisches Vokabular eher bescheiden. Wie in Deutschland auch, sind italienische Krankenhäuser viel zu voll und personaltechnisch unterbesetzt. Im Bett daneben lag jemand, der die ganze Nacht schrie. Dazu eine Klimaanlage, die bei knapp 40 Grad Außentemperatur nicht richtig funktioniert. Nach Röntgen, Ultraschall und Tomographie (mittlerweile kenne ich die italienischen Bezeichnungen) keine eindeutige Diagnose. Dazu Schmerzen, die für einen Menschen kaum zu ertragen sind. Als Freundin versuche ich natürlich, das bestmögliche zu tun. Stärke zeigen, trösten, Mut zusprechen, um Schmerzmittel und Updates bitten, die wechselnde Diagnosen der unter Zeitdruck stehenden Ärzte simultan übersetzen. Geduld haben, unendliche Geduld. Mitgefühl zeigen, aber kein Mitleid, das hilft nicht weiter. Nicht den Verstand verlieren, wenn die Ärzte sagen, dass die Entzündung so groß ist, dass Organe irreparabel angegriffen sein könnten.

Am allerwichtigsten aber, und das ist Rezept #1: Aus jeder Situation, egal wie sie ist, das Beste machen. Das Gute in allem sehen. Wie Byron Katie sagt: Lieben, was ist. 

Deshalb besorge ich mir einen Campingstuhl, den ich neben seinem Bett platziere. Hole mir meine Bücher, die ich jetzt endlich lesen kann, freue mich, dass jemand Netflix erfunden hat (Money Heist rockt!) und hole mir zweimal am Tag das beste Brioche alla Crema (ein italienisches Vanillecroissant) in der Krankenhaus Cafeteria. Dazu trinke ich dreimal am Tag einen Espresso, damit ich nicht müde werde. Euch Lesern wird dies trivial vorkommen, aber solche Dinge sind wichtig. Auf keinen Fall darf man anfangen mit dem Schicksal zu hadern (eigentlich hatte ich für diese Woche eine private Coaching Fortbildung gebucht) oder sich denken, was man alles verpasst hat (z.B. die schönste Hochzeit des Jahres in der ehemaligen Sommerresidenz des Papst, siehe Foto, sowie ein Slowfood Akademie Wochenende), geschweige denn sich auf Instagram anschauen, an welch‘ schönen Orten alle anderen gerade sind, welch‘ armes Opfer man ist und sich selbst bemitleiden. Als die Verzweiflung einmal zu groß wird, rufe ich meine beste Freundin Evelyn an. Kaum höre ich ihre Stimme, fange ich an zu weinen. Wie immer schafft sie es nach wenigen Minuten, mich zum Lachen zu bringen. Irgendwann verleihe ich ihr den Nobelpreis. Freunde und Familie sind eine weitere wichtige Säule in diesem Palast der Glückseligkeit. Aber hierzu später mehr und nun zurück zur Pasta:

Der vermutlich einzige Mensch auf der Welt, der Marisas Pasta nicht zu schätzen vermag, ist ihr Ehemann Franco. Für Franco gehört Fleisch zum Gericht wie der Chianti zur Toskana, deshalb hat sie für ihn auch extra Polpette gemacht. Wenn man es sich einfach machen will, könnte man Polpette mit „Fleischpflanzerl“ übersetzen. Aber das wäre weit gefehlt. Ich bin ja seit einiger Zeit überzeugte Vegetarierin. Konventionell produziertes Fleisch ist schädlich fürs Klima, viel schädlicher als alle Flugzeuge und Autos zusammen. Außerdem fühle ich mich besser ohne Fleisch. Ausgeglichener und friedvoller. Und der wichtigste Grund sind für mich die Tiere. Ich halte mich selbst für einen Tierfreund. Und deshalb habe ich es als Selbstlüge empfunden, dabei weiterhin Fleisch zu essen. Wenn ich Zuhause in München bin (und keine Burrata oder kein Pecorino in der Nähe sind), ernähre ich mich größtenteils sogar vegan. Aber nun zurück zu den italienischen Fleischpflanzerl. Da lagen sie also vor mir, auf einem weißen Porzellanteller, daneben ein paar frische San Marzano Tomaten. Und ihr könnt mich jetzt einen Frevler nennen, aber ich habe sie gegessen. Vier oder fünf Stück. Das letzte bisschen Zweifel wurde von Franco ausradiert. Diesem Mann glaubt man einfach alles. Zweifelsohne ist Italien das schönste Land der Welt, Toskana das schönste Gebiet auf Erden, er der beste Kaffeekoch auf Erden. Er hat eine solche natürliche Autorität, dass 90% aller Manager und Chefs einen Kurs bei ihm besuchen sollten. Und wenn Franco sagt, dass man die Polpette essen soll, dann isst man sie auch.

Natürlich waren sie köstlich. Selbst als ich noch Fleisch gegessen habe, war ich nie großer Fan von Fleischpflanzerl. Aber diese. Ein Gedicht. Und das Geheimnis, warum sie so locker und luftig und voller Geschmack waren? Wieder das Rezept von Marisas: Hackfleisch (natürlich nicht vom Supermarkt, sondern vom Metzger nebenan), halb Schwein, halb Rind, Eier, frische Petersilie und frischer Basilikum, frisch aus der Erde gezogener Knoblauch (laut Marisa ein natürliches Antibiotikum), etwas Salz und Pfeffer und die Geheimzutaten: frisch geriebener Parmigiano und geriebener „Ricotta salata“ (das ist salziger Ricotta), jedoch nicht zu viel, sonst werden sie zu salzig. Und natürlich wieder Amore. Als ich sie frage, ob sie auch Semmelbrösel in die Masse mischt, verdreht sie nur die Augen gen toskanischen Himmel. Heisst also wohl nein.

Als ich glückselig Pasta und Polpette mampfe, kann ich an nichts anderes denken als an Pasta und Polpette. An den Geschmack auf meiner Zunge, den Geruch in meiner Nase und die wunderschöne Natur um mich herum. Seit einiger Zeit ist Mindfulness, also Achtsamkeit, in aller Munde. Es bedeutet vollständig im Hier und Jetzt zu sein, sich seiner Gefühle und Gedanken bewusst zu sein. Mit Techniken wie Meditation kann man es trainieren. Ich denke mir, dass man sich lange Jahre der Meditation sparen kann, wenn man von Marisa bekocht wird. Bei all diesen Aromen kann ich gar nicht anders, als im Moment zu sein. Keinen angstvollen Gedanken an die Zukunft verschwenden (wird mein Freund wieder gesund?), nicht die Vergangenheit gedanklich ein ums andere Mal wiederholen (hätte ich früher den Notarzt rufen sollen?). Und es ist ein überwältigendes Gefühl. Erst vor wenigen Wochen lernten wir bei der Slowfood Akademie selbst Sauerteigbrot zu backen, wilde Kräuter zu sammeln und Kühe zu melken. Das Frühstück am nächsten Morgen bestand ausschließlich aus Dingen, die wir selbst hergestellt hatten. Mit den eigenen Händen hergestellte Produkte zu essen ist eine komplett andere Erfahrung. Man ist so voller Stolz und Dankbarkeit, dass man es gar nicht wagen würde, nebenbei seine Emails zu checken.

Rezept #2 ist somit: Egal was es ist, genieß es mit all deinen Sinnen. 

Zu den Polpette trinken wir Chianti. Aber nicht aus der normalen Flasche, sondern direkt abgefüllt vom Nachbarn aus dem Fass. Anfänglich war ich noch konsequent, ich trinke nämlich auch so gut wie gar nichts. Dreimal wurde ich von Marisa gefragt, ob ich Chianti zu meiner Pasta möchte. Dreimal habe ich höflich abgelehnt. Als mir dann aber Dottere Franco eine ungewöhnliche Blässe attestiert („Du bist ganz weiß im Gesicht, von Chianti bekommst du rote Wangen!“), gebe ich mich beim vierten Mal geschlagen. Wer mich kennt, der weiß, dass ich für eine blonde Deutsche wirklich immer eine gute Gesichtsfarbe habe, sogar meistens ungewöhnlich gebräunt für meinen Typ. Aber Franco sieht das anders. Deshalb trinke ich brav meinen Chianti („Nur ein kleines Glas bitte!“ – Haha), der laut ihm auch ein großen Mengen absolut katerfrei bleibt. Was ich zweifelsohne bestätigen kann. Als nun also meine Gesichtsfarbe von „Untoter“ zu „durch Chianti-Infusion Reanimierter“ übergeht, fangen die beiden an zu erzählen:

Anfang der 60er Jahre kamen beide mit ihren Familien als italienische Gastarbeiter nach Deutschland, genau genommen nach Tuttlingen. 

Marisa war 14, Franco etwas älter. Anfangs kennen sich ihre Familien nicht. Marisa fängt direkt in einer Jeansfabrik an, Franco arbeitete in einer Dreherei. Marisa war schon immer sehr pflichtbewusst und fleissig, Franco eher sehr an Fußball und Frauen interessiert. Marisa hat irgendwann sogar zwei Jobs. Franco ist auch sehr fleißig dabei, die Nacht konsequent zum Tag zu machen. Als sich dann irgendwann die beiden Väter in der Fabrik bei der Arbeit kennenlernen, wird schnell klar, dass Franco eine Frau wie Marisa braucht. Es zwar zwar nicht Liebe auf den ersten Blick, aber das ist auch nicht nötig für eine wunderschöne Liebesgeschichte. Und wer jetzt denkt, dass das Ganze etwas arrangiert klingt, dem rate ich einfach, die beiden Mal live zu erleben. „Ich liebe sie immer noch wie am ersten Tag“, sagt Franco und Marisa verdreht dabei die Augen wieder gen Himmel. Ich glaube es ihm sofort.

Franco zeigt mir stolz ihr Hochzeitsfoto. Marisa trägt ein wunderschönes schlichtes weißes Kleid, ihre langen braunen Haare fallen offen über die Schultern. Franco daneben – wie könnte es für einen Italiener anders sein – in einem Anzug von Armani. Den er nur einmal getragen hat, nämlich zu seiner Hochzeit. Und wie es sich für einen stolzen Florentiner gehört, ist der Anzug in der Stadtfarbe von Florenz: Viola, also dunkellila. Seine ganze Attitude samt Erscheinungsbild erinnern mich sehr an Ricardo „Rico“ Tubbs von Miami Vice. Coolness vom Scheitel bis zur Sohle.

Die beiden sehen auch jetzt noch hervorragend aus, mindestens um 10 Jahre jünger, als sie eigentlich sind. In den 50ern war ein kleines Dorf in Italien Gegenstand einer Studie. Die Menschen dort lebten unglaublich lange. Man untersuchte das Essen. Die typisch mediterrane Diät, also viel frisches Obst und Gemüse, Fisch und Olivenöl. Allerdings trank man dort auch viel Wein, einige rauchten sogar. Das Geheimnis eines langen Lebens laut Studie war nicht primär die Ernährung, sondern eher die Lebensweise der dort lebenden Italiener: Sie waren niemals allein. In Gesellschaft zu sein wurde groß geschrieben. Nach der harten Arbeit traf man sich und aß, trank und lachte zusammen. Als ich mit Marisa und Franco zusammensitze, erlebe ich das Ergebnis der Studie am eigenen Körper. Als ich Marisa frage, was das Geheimnis ihres Aussehens und ihrer Gesundheit ist, sagt sie:„Immer arbeiten, immer aktiv bleiben. Und das was du tust, gerne machen.“ Dabei fällt mir ein Zitat von Immanuel Kant ein: „Die Regeln des Glücks: Tu etwas, liebe jemanden, hoffe auf etwas.“ Klingt irgendwie einfach. Aus eigener Erfahrung kann ich jedoch bestätigen, dass die Sache mit dem Traumjob nicht ganz so einfach ist. Ich bin dabei nach dem Ausschlussprinzip vorgegangen. Nach einem Erasmussemester in Italien habe ich mein Jurastudium abgebrochen. Es passte einfach nicht zu mir, ich wäre niemals als Anwältin glücklich geworden. Bereut habe ich es keine Sekunde. Allerdings viele Tränen vergossen, da ich meiner Auffassung nach die einzige Person auf der Welt war, für die es nicht den richtigen Job gab. Heute kenne ich meine Weg und lache darüber, weiß aber nur zu gut, dass die meisten Leute nicht ihren Traumjob haben, geschweige denn kennen. Vorletzte Woche hatte ich eine Coaching Session mit zwei Klientinnen, die den für sie richtigen Job noch nicht gefunden haben. Auch hier flossen viele Tränen. Eine Arbeit zu tun, die entgegen der eigenen Prinzipien und Werte ist, ist etwas sehr schmerzhaftes. Man arbeitet gegen seine eigene Seele und gegen sein eigenes Herz. Man geht einen Weg, von dem man schon beim Gehen weiß, dass es nicht der richtige ist. Als ich neben den De Francos sitze, wird mir erneut in aller Deutlichkeit bewusst, was für mich im Leben zählt und dass ich den für mich bestimmten Weg gehen muss. Auch ich vergesse das zwischenzeitlich inmitten der vermeintlich wichtigen Dinge im Alltag.

Rezept #3 ist folglich: Vernachlässige niemals deine eigenen Werte. Und hab den Mut, deiner Leidenschaft konsequent zu folgen. Egal was die Umwelt sagt. 

(All denen, die ihre Leidenschaft noch nicht gefunden haben oder sie vielleicht schon kennen, aber noch nicht den Mut gefunden haben, dieser zu folgen und sich stattdessen in Prokrastination üben, denen empfehle ich dieses Buch: The War of Art.)

Ihre ersten beiden Söhne kommen in Deutschland zur Welt. Als dann die Einschulung für den Ältesten ansteht, entscheiden sich Marisa und Franco an einem einzigen Abend, wieder nach Italien zurückzukehren. Franco findet in der Heimat sofort wieder Arbeit, nämlich in einer Dreherei in der Nähe von San Gimignano. Nach der erstklassigen Schulung in der Dreherei in Deutschland macht er dort einen guten Job. Was sein Chef allerdings anders sieht. Und nachdem sich die beiden nach kurzer Zeit das produzierte Werkzeug gegenseitig vor die Füße werfen, steigt Franco wutentbrannt in den Zug zurück nach Deutschland. „In Deutschland wissen sie, was Qualität ist.“ Wieder nicke ich brav. Franco hat nicht nur eine große Autorität, sondern auch ein ebenso großes Temperament. Seine Stimme dröhnt so laut, dass man sich gut überlegt, ob man widerspricht. 40 Jahre lang hat Franco in dieser Dreherei gearbeitet. Als er in Rente ging, wurde ein großes Fest zu Ehren von ihm veranstaltet. Die Auseinandersetzung mit dem Chef hat sich noch ein paar Mal wiederholt, aber am Ende ist er immer wieder mit dem Zug nach Italien zurückgekehrt.

All ihre Gäste sind Stammgäste, einige kommen schon in der zweiten Generation. Ich habe meine erste Nacht über booking.com gebucht und wollte einfach nur eine Unterkunft, die in der Nähe des Krankenhauses ist, wo mein Freund liegt. „Gardenhouse“ schien mir ein netter Name zu sein, die Bilder sahen freundlich aus. So kam ich also Sonntagabend, als wir eigentlich schon wieder zurück in München sein wollten, abgekämpft und niedergeschlagen um 22 Uhr bei immer noch 30 Grad alleine dort an. Ich denke ich sah auch dementsprechend aus und Marisa hatte wohl Mitleid mit mir, weshalb sie mir sogleich ein großes Glas mit selbstgemachtem Sorbet von Pfirsichen aus dem eigenen Garten brachte. Ich weiß nicht mehr genau, ob es das Sorbet oder die Art von Marisa war. Aber ich fühlte mich sofort zuhause, in meinem Zimmer mit Blick ins Grüne, wo man außer dem Zirpen von Grillen und dem Gezwitscher von Vögeln nichts hörte. So wie beim Essen, ziehen sie auch bei ihren Gästen Qualität der Quantität vor. Und beim dritten kleinen (haha) Glas Chianti lerne ich viele ihrer Stammgäste kennen:

Eine Österreicherin, die mit dem Motorrad angereist war und dementsprechend wenig Gepäckmöglichkeiten hatte, war so beeindruckt vom guten Wein, dass sie ihre gesamte Unterwäsche dort ließ, nur um zwei Flaschen Rotwein unterbringen zu können. Sie kommt mittlerweile regelmäßig und nimmt jedes Mal aus der Käserei ums Eck ganze 300 (!) Stück Mozzarella mit. Dabei ist ein original italienischer Mozzarella nicht eine kleine gummiartige Kugel, sondern ein circa 400g schweres Prachtexemplar. Mit dem Motorrad kommt sie natürlich schon lange nicht mehr.

Eines heißen Tages stand ein älterer Herr vor der Türe der De Marcos. Marisa war gerade dabei, das Essen für eine angekündigte Gruppe von 15 jungen Männern zu kochen. Alle Unterkünfte waren ausgebucht. Der Herr war mit seinem alten Golf angereist und fragte nach einer Schlafmöglichkeit. Sehr müde sah er aus, etwas hoffnungslos sogar. Sie musste ihn wegschicken, da sie ihm nicht mal mehr ein Zustellbett anbieten konnte. Als sie ihn so zu seinem Golf zurückschlurfen sah, tat es ihr im Herzen weh sagt sie. „Poveraccio“dachte sie sich. Das heisst so viel wie „armer Teufel“. Sie rief ihn zurück und sagte, dass er ausnahmsweise die Nacht bleiben könne, da die Gruppe von jungen Männern erst am nächsten Tag käme. Der Preis betrage 60€ für die Unterkunft. Das könne er sich nicht leisten sagte der Mann und kehrte wieder um. Erneut tat es ihr im Herzen weh und so fragte sie ihn, wie viel er denn bezahlen könne. Maximal 30€ sagte er. Sie gab ihm die Unterkunft für 20€. Anstelle eines Koffers holte er eine Plastiktüte aus dem Auto, darin Zahnbürste, Zahnpasta und seine Ciabatte. Das ist das italienische Wort für Schlappen, Adiletten sozusagen. Die so ähnlich aussehen wie ein flaches Ciabattabrot. Marisa empfand so viel Mitleid, dass sie ihn umsonst zum Abendessen einlud. Was er natürlich dankbar annahm. Am Ende blieb er über zwei Wochen. Wie sich herausstellte, war der Herr ganz und gar nicht arm. Er ist ein vermögender Buchantiquitätenbesitzer. Er wollte einfach mal schauen, wie die De Marcos so ticken. Prüfung auf großes Herz bestanden.

Dann gab es den Herren aus Deutschland, der viele Jahre mit seiner Frau zur Familie De Marco gefahren ist. Seine Frau hat er kein einziges Mal beim Namen genannt, immer nur Schatz oder Liebling. Sie war nierenkrank. Der Sohn der beiden hatte in jungen Jahren einen schweren Unfall, der ihn seitdem an den Rollstuhl fesselte. Dieser Herr aus Deutschland hatte wohl sehr viel Geld und sagte stets: „Was soll ich mit dem vielen Geld? Mit all meinem Geld kann ich meiner Frau keine Niere kaufen und meinem Sohn keine Beine.“ Nach vielen Jahren der Krankheit starb seine geliebte Frau und kurz darauf sein Sohn. Seitdem kam er alle zwei Wochen zur Familie Da Marco, stand stets unangekündigt vor der Tür. Zuhause fühlte er sich alleine und hielt es mit all den Erinnerungen nicht aus. In dem Apartment in der Toskana schlief er wie ein kleines Kind. Seit dem Tod seiner Frau und seines Sohnes war er nicht mehr derselbe sage Marisa und Franco. Kürzlich ist er gestorben. Wohl an gebrochenem Herzen.

Und hier kommt das letzte Rezept, Rezept #4: Was zählt im Leben sind tiefe menschlichen Verbindungen. 

Meistens zu Familie und Freunden. Zu den Eltern, die einen immer unterstützen, egal was passiert. Zu Freunden, die noch am Tag nach ihrer Hochzeit ihre Verbindungen spielen lassen und den weltweiten Experten auf seinem Gebiet ins Krankenhaus in der Pampa bringen. Aber eine solche Verbindung kann auch zu einer komplett Fremden entstehen. Was zählt ist die Tiefe der Verbindung. Und diese kann innerhalb von einigen Minuten aufgrund eines Pfirsichsorbets zu einer Frau entstehen, die man noch nie zuvor gesehen hat. Einfach nur, weil sie so ein großes Herz hat. Ich habe mir auch geschworen niemals müde zu werden, meinen Lieben zu sagen, wie wichtig sie sind und wie sehr man sie liebt. Man weiß nie, was der nächste Tag bereithält.

Am Ende des Mahls gibt es natürlich Caffè, also Espresso. Auch hier lehne ich normalerweise ab, da ich von einem Kaffee so spät am Abend nicht mehr schlafen kann. Aber ich habe dazugelernt: Ablehnen zwecklos. Gekocht wird mit einer italienischen Mokkamaschine. Franco zeigt mir genau, wie ich es zuhause nachmachen kann. Vor einem Monat war ich mit meinem Liebsten in Rom. Auf Empfehlung einer lieben Kollegin (Grazie, Flavia!) gingen wir in Roms ältestes Café, ins Café Sant’Eustacchio. Deren Spezialität ist der Caffè con Crema. Und die Crema ist so hoch und schaumig, als würde man sich ein Badewasser mit 17 Litern Badeschaum einlassen. Wie machen die das wohl habe ich mich damals gefragt. Jetzt weiß ich es, dank Franco, dem besten Kaffeekoch der Welt natürlich. So schlimm diese Erfahrung mit meinem Freund im Krankenhaus war, so froh bin ich, dass es mittlerweile wieder mit ihm bergauf geht, nach über einer Woche wird er morgen wahrscheinlich entlassen. Außerdem hätte ich ohne diesen Zwischenfall niemals Marisa und Franco kennengelernt. Zwei Menschen, mit dem Herz am richtigen Fleck.

Verrate ich Euch also auch das Geheimnis des perfekten Kaffees? No, mi dispiace. Aber ihr könnt mich gerne in München besuchen kommen und ich koche Euch den besten Caffè con Crema Eures Lebens. Mit viel Amore natürlich.

Disclaimer: Dieser Artikel ist nicht die Fortsetzung der Romanserie von E.L. James. Dennoch wird der aufmerksame Leser auch etwas Zuckerbrot und vor allem Peitsche darin finden 🙂

Besonderer Dank gebührt im Übrigen Matthias Middendorf für seine Inspiration zu Erbsenmus…

Jeder kennt die Gebrüder Grimm und ihre Märchen. Darunter sicherlich Schneewittchen. Die, ehe sie mit dem Prinzen ihrer Träume dem Sonnenuntergang entgegen ritt, von einer bösen Zauberin (a.k.a. Stiefmutter) eine Frucht überreicht bekam, in die sie hineinbiss und die sie in einen tiefen todesgleichen Schlaf fallen ließ.Würde dieses Märchen heute spielen, so würde unser Schneewittchen wohl in eine thailändische Flugmango beissen (zuvor postet sie aber noch ein Mango-Selfie auf Instagram). Klingt komisch, oder? Ja, finde ich auch. Bleiben wir lieber beim rotbackigen Apfel. Bei einem weiteren Märchen von Hans Christian Andersen schlief eine Prinzessin auf einem grünen und harten Etwas, das sie kaum zur Ruhe kommen ließ, wodurch aber (diesmal veranlasst durch die Schwiegermutter in spe) ihre Feinfühligkeit und Prinzessinnen-Echtheit getestet werden sollte. Wie hieß dieses Märchen gleich nochmal? Die Prinzessin auf der Avocado! Nein, wieder falsch. Es war die Erbse.

Warum sind wir aber alle so wild auf Obst und Gemüse jenseits der sieben Berge? Warum kommt uns das Regionale langweilig vor? Warum meinen wir, ohne exotische „Superfoods“ niemals gesund und schön sein zu können? Denn sie sind doch so gesund, oder etwa nicht? 

Schauen wir uns die Avocado an, so bekommt sie problemlos das Siegel für Gesundheitsförderlichkeit aufgeklebt. Doch ist alles was gesund ist, automatisch auch gut?

Wäre die Avocado ein Mensch, so wäre sie ein übermäßig durstiger, um nicht zu sagen ein Schluckspecht. 1 Kilogramm Avocados (das sind circa 2,5 Stück) brauchen nämlich schlappe 1.000 Liter Wasser, bis sie geerntet werden können. Zum Vergleich: Ein Kilogramm Tomaten braucht durchschnittlich 150 Liter Wasser, 1 Kilogramm Salat etwa 130 Liter.

Nun schwebt die Avocado nach der Ernte aber nicht magischerweise auf unseren Teller, sondern muss erst noch um die halbe Welt reisen. Auf dem Landweg 1.000 Kilometer, dann noch eine Schiffsüberfahrt von gut 25 Tagen. Während dieser gesamten Zeit chillt die Avocado bei angenehm frischen 6 Grad in einem strombetriebenen Container. Da es sich ohne Polster auch nicht so gemütlich reist, wird sie auch noch schön ausgiebig eingepackt.

Am Siegel für gute Energiebilanz schrammt unsere Avocado also nicht nur haarscharf vorbei, sondern rollt zielsicher in die komplett entgegengesetzte Richtung.

Ökologisch? Nachhaltig? Fair? Ressourcenschonend? Würde man sie wieder mit einem Menschen vergleichen, so wäre sie wohl, um meine beste Freundin Evelyn zu zitieren, ein „social Underperformer“. Sozusagen der Donald Trump unter den Obst- und Gemüsesorten.

Vor zwei Wochen war der deutsche „Earth Overshoot Day“. Das heisst, dass wir bis zu diesem Tag unsere kompletten Ressourcen aufgebraucht haben, die uns innerhalb Deutschlands zur Verfügung stünden. Von nun an leben wir quasi auf Pump. Und auf Kosten anderer, insbesondere auf Kosten der Länder des globalen Südens. Ein sehr ernüchternder 2. Mai.

„Globaler Süden – Globaler Handel“ war auch das Thema des zweiten Wochenendes der Slow Food Youth Akademie. Warum gibt es überhaupt globalen Handel? Einer der Gründe ist der der Verfügbarkeit. Denn eine Ananas wächst nun mal leider nicht in München. Ganze 10% des globalen Handels beinhalten Agrarerzeugnisse. Schaut man sich die Struktur der Importe genauer an, so fällt auf, dass knapp 70% der Agrarerzeugnisse vor allem Futtermittel sind. Das heisst: Futter, für die Tiere, die wir essen. Um unseren Hunger zu stillen, „importiert“ Deutschland pro Jahr 5,5 Millionen Hektar Ackerland, EU-weit kommen wir auf 35 Millionen Hektar. Zum Vergleich: Ein Fußballfeld misst 0,7 Hektar.

Was bedeutet dies nun für uns? Gar nichts mehr importieren? Eine Alternative, um diese Ungerechtigkeit zu bekämpfen, wäre natürlich eine radikale Regionalisierung. Was heisst: Es kommt nur auf den Tisch, was eben gerade bei uns in der Region Saison hat.

Dass es keineswegs so radikal sein muss und wir nicht nur selbst geernteten Brennessel Tee trinken müssen, beweist ein deutsches Unternehmen namens Coffee Circle. Ihre Mission lautet „United to improve lives by delivering outstanding coffee“. So simpel wie genial. Einfachheit ist eben die höchste Form der Vollendung, das wusste schon Leonardo da Vinci. Coffee Circle bietet den Kaffeebauern Hilfe zur Selbsthilfe. Und zwar indem sie die Kaffeebohnen nach qualitativen, sozialen und ökologischen Kriterien direkt bei den Produzenten einkaufen. Das Ziel ist es, dass die Produzenten mehr am Kaffee verdienen. Deshalb sind sie auch bereit, vom Weltmarkt unabhängige und damit höhere Preise zu zahlen. Beim Kauf eines jeden Kaffees gehen 1 Euro pro Kilogramm Kaffee als Spende an soziale Projekte. So zum Beispiel für die Versorgung von knapp 20.000 Menschen in der äthiopischen Kaffeeregion Limo mit sauberem Trinkwasser. Insgesamt wurden schon 1 Million Euro gespendet und das Leben von über 130.000 Menschen positiv beeinflusst. Mehr zu Coffee Circle findet man hier.

Wenn also jeder auf fair und nachhaltig produzierte Importprodukte zurückgreift, wäre dann der Hunger in der Welt beseitigt?

Leider nein. Um es in den Worten von Martin Caparrós auszudrücken: „Der Hunger wird nicht nur durch Mangel verursacht. Die 800 Millionen Menschen hungern nicht, weil wir unfähig wären, genügend Nahrungsmittel herzustellen. Im Gegenteil: Wir produzieren mehr, als wir tatsächlich benötigen. Sie werden vielmehr von den ungefähr zwei Milliarden Menschen, von uns Satten in den reichen Ländern, verbraucht. Hunger beruht also nicht auf Mangel, sondern auf der schlechten Verteilung unseres Reichtums an Nahrungsmitteln.“ Das ganze und absolut lesenswerte Interview gibt es hier.

Würde jeder so essen wie wir (in den USA war der Earth Overshoot Day dieses Jahr sogar schon am 14. März), dann würde das System in zwei Jahren kollabieren. Wir zählen zur reichen Minderheit. Martin Caparrós verdeutlicht dies mit einem Beispiel: „Um ein Kilogramm Rindfleisch zu erzeugen, werden zehn Kilogramm Getreide benötigt. Wenn jemand zehn Kilo Getreide geerntet hat, dann besitzt er zwei Optionen: Er kann zehn Personen jeweils ein Kilo verkaufen oder zehn Kilo an einen Fleischfabrikanten, damit dieser ein Kilo Fleisch für einen wohlhabenden Käufer herstellt und dabei sehr viel mehr verdient.“

Es reicht also für alle – aber nur, wenn jeder 100% Verantwortung für das eigene Handeln übernimmt.

Das Gefühl, das bei mir nach den Vortragen zurückblieb, war ein sehr gemischtes: Ich habe noch unendlich viel zu lernen. So viel, das ich noch nicht weiß, aber wissen möchte, um mich so zu ernähren, dass es meiner persönlichen Mission entspricht. Entmutigt mich das? Nein, absolut nicht.

Und da wir bereits in der Schule gelernt haben, dass anklagen und sich beschweren weder zielführend ist, noch irgendetwas besser macht, sind echte Alternativen zu Avocado & Co. gefragt. Les voilà:

Um ehrlich zu sein ist die Erbse ja nicht gerade für ihre Coolness bekannt. Die meisten verbinden sie mit dem Glas im Supermarktregal, in dem blassgrüne und milchige Kugeln nicht gerade schreien: „Iss mich! Ich bin ein Superfood und mache dich schön und sexy!“

Aber da ich schon immer mehr auf die inneren Werte stand, habe ich es einfach mal ausprobiert.

Fazit: I love it! 

Natürlich dauert die Zubereitung eine gewisse Zeit. Aber in Zeiten, in denen Entschleunigung und Achtsamkeit immer mehr an Bedeutung gewinnen, ist das Erbsen pulen fast schon meditativ. Ich habe also die frischen Erbsen (haben gerade Saison, eine schöne Saisonübersicht für Obst und Gemüse aus heimischen Gefilden gibt es hier) aus ihrer schützenden Hülle befreit und dann kurz in Olivenöl angeschwitzt. Man könnte sie vermutlich auch einfach kochen. Anschließend mit der Gabel zerquetscht, etwas frischen Zitronensaft dazu, Salz, Pfeffer und rauf aufs Vollkornbrot. Das Resultat könnt ihr bei den Fotos bestaunen.

Nicht nur geschmacklich, auch optisch wunderschön. Dieses leuchtende Grün sucht seinesgleichen. Wer nicht so viel improvisieren möchte, der findet ein bombensicheres Rezept bei essen + trinken. Da mich das Erbsenfieber daraufhin gepackt hatte, gab es gleich noch etwas mit Erbsen. Und zwar Pasta. Ein grandioses Gericht mit Zitrone, Minze und Erbsen gibt es hier. Zusätzlicher Bonus: Ich konnte etwas von der Minze verwenden, die auf meinem Balkon wächst, als gelte es einen Preis in Wildwuchs zu gewinnen.

Ein weiteres Superfood ist die Acai-Beere, die zermust und mit Granola aufgehübscht als die Offenbarung unter den Früchten gilt. Eine regionale Alternative ist die wunderbare Blaubeere. Diese kann genauso gemixt und nach Herzenslust dekoriert werden. Muss aber dafür nicht um die halbe Welt reisen.

Ohnehin ist es ja so, dass jedes Obst und Gemüse grundsätzlich ein „Superfood“ ist. Denn eine positive Wirkung auf den menschlichen Körper gibt es davon immer. Auch die Erbse macht gesund und glücklich. Und ein gutes Gewissen.

Mein persönliches Fazit ist somit:

Beim gesunden Essen geht es nicht nur darum, gesunde „Superfoods“ zu essen. Essen ist eine Frage von Politik, der Gesundheit, der Produktion und Herstellung und vielem mehr. 

Um das ganze Bild zu verstehen, braucht man jede Menge Zeit und eine Menge Verstand. Muss man also ein ausgewiesener Experte auf all den vorgenannten Gebieten sein, um sich auf eine verantwortungsvolle Art und Weise ernähren zu können? Nein, absolut nicht. Aber es wäre hilfreich, wenn wir uns alle öfter unseres gesunden Menschenverstands bedienen würden. Denn dass ich mir eine Avocado nicht selber im Garten ziehen kann, sollte jeder wissen. Und dass ich sie noch nicht in Italien gesehen habe, sollte mir auch klar machen, dass sie wohl einen relativ weiten Weg hinter sich hat, wenn sie im Supermarktregal landet.

Deshalb wünsche ich mir, dass wir nicht nur darüber nachdenken, was wir uns gerade in den Mund schieben, sondern auch wo es herkommt, wie es produziert und geerntet wurde und ob ich das jetzt auch unbedingt haben muss. Oder ob es a) weniger, b) etwas anderes oder c) manchmal auch einfach gar nichts sein kann. Verzicht und Rücksicht auf unsere Umwelt kann durchaus etwas Erhabenes sein. Schon die Moral in Hans Christian Andersens Märchen „Die Prinzessin auf der Erbse“ war, dass wahrer Adel in Feinfühligkeit und nicht in Reichtum steckt.

Ich will mit meinem Artikel niemanden durch einen erhobenen Zeigefinger bekehren oder suggerieren, dass ich den heiligen Gral in Bezug auf Essen entdeckt habe. Werde ich nie wieder in meinem Leben eine Avocado essen? Eher unwahrscheinlich. Aber eines weiß ich sicher: Wenn ich mal wieder eine esse, dann werde ich mir bewusst machen, dass der Verzehr ebendieser nicht nur ein Luxus, sondern ein Privileg ist, das ich gefälligst zu schätzen habe. Dem ich meine ganze Aufmerksamkeit schenke. Und dem ich mich darüber hinaus mit ganzem Herzen widme.

Denn für mich geht es bei Essen vor allem um eines: Liebe.

Liebe für die Menschen, die das Produkt herstellen, Liebe für die Tiere, die ich liebe, aber nicht esse und vor allem Liebe für mich selbst, indem ich mich bewusst ernähre.

Deshalb: Spread the love and vote with your fork.

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„The Stone Age didn’t stop because there were no stones anymore. It stopped because there were better ideas.“ – Dr. Winfried Bommert, Institute of World Nutrition.

Well, this was my first weekend at the Slow Food Youth Academy of Slow Food Germany. I am once again shocked by all the facts and the truth behind what some want to make us believe. And on the other hand I am more motivated than ever to drive a good, clean and fair food system together with the 25 change makers from the Slow Food Youth Academy in Germany.

But what is Slow Food?

It was born in the 1980ies during a protest in Rome against a McDonald’s branch. It’s not just an anti-reaction against fast food. It’s an anti-reaction against fast life. It’s about maintaining diversity. And it’s about a good, clean and fair food system, driven by over 100.000 members globally.

Some shocking facts around our daily food:

Are you a yoghurt lover? Did you know that yoghurt travels 1000km on average before you eat it? That the „strawberries“ in it are made of fungus on chipped wood? If you’re lucky the red colorant comes from beet root. If not then that’s artificial too.

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